International Association of Libraries and Museums of the Performing ArtsSociété Internationale des Bibliothèques et des Musées des Arts du Spectacle |
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Über die ästhetische Erziehung des Menschen und die Zukunft der ArbeitsgesellschaftHermann Glaser * Theatersammlungen und Öffentlichkeit / Les Collections Théâtrales et le Public / Theatre Collections and the Public17. Internationaler
SIBMAS-Kongreß / 17ème Congrès International de la
SIBMAS / 17th International SIBMAS Congress, 1.-9. September 1988,
Mannheim German Text / Text en allemand L'éducation esthétique de l'homme et l'avenir de la société industrielleSommaireDans le domaine occidental l'idée du travail est profondément identique à celle de la "satisfaction du sens". Le bon sens anticipatoire de la culture politique dans l'ère des microprocesseurs doit donc d'une manière renforcée se tourner vers l'avenir de la société du travail. Le temps de récréation en résultant sert moins à la régénération que plutôt de possibilité de l'autoréalisation humaine. A cet égard c'est moins une industrie culturelle visant à l'hétéronomie que est demandée, mais plutôt la création d'une tolérance en faveur de l'activité créative. Posant en principe
la demande de Schiller à la médiation esthétique
entre l'individu et l'état, l'auteur recherche si l'état
a réussi, jusqu'à aujourd'hui, de satisfaire ce postulat,
si la démocratisation du beau soit, en effet, accomplie. La
psudo-démocratisation dangereuse du beau par le monde
publicitaire (mot d'ordre: l'esthétique des marchandises) ne
peut être opposée que par une éducation
significative esthétique. Mais la vraie démocratisation
du beau est en mesure, même dans l'ère des
microprocesseurs - à part des visions pessimistes d'avenir
à la Huxley ou Orwell - de mener à une
société au moins humaino-computerisée (Klaus
Haefner). Cependant on ne saurait nier que les nouvelles technologies
sont des meurtriers d'emplois. A cet égard
l'auteur considère l'idée de l'atelier comme lieu commun,
le lieu où se passent des oeuvres, où l'activité
par-delà de l'emploi rémunéré devrait
être possible. Indépendamment du système de la
sécurité sociale, dont la valeur et la
nécessité restent incontestées, le centre de
l'activité significative est l'engagement social dans le groupe
sans que celle-ci doive avoir un effet répressif. The Aesthetic Education of Man and the Future of the Industrial SocietySummaryIn the West the notion of work is to a large extent identical with the notion of "Sinnerfüllung" (the fulfilment of meaning). The anticipatory cultural and political understanding will, therefore, in an era of microprocessors, increasingly have to turn to the future of industrialized society. A reduction in working hours is necessary for the fair distribution of work. The spare time which results from this offers opportunities for self-realization rather than revitalization. Not so much the establishing of a culture industry aiming at heteronomy is required, but rather the creation of scope for creative activities. Starting from
Schiller's demand for an aesthetic exchange between individual and
state, Glaser asks whether the state has so far succeeded in fulfilling
this postulate, whether the democratization of beauty has in fact been
accomplished. The dangerous pseudo-democratization of beauty through
the world of advertising (key phrase: the aesthetics of commercial
goods) can only be countered with meaningful aesthetic education. The
true democratization of beauty may, however, even in the era of
microprocessors lead to an at least humane computerized society (Klaus
Haefner) away from the pessimistic visions à la Huxley or
Orwell. Nevertheless, it cannot be denied that the new technologies
destroy jobs. The writer sees the
framework for this in the notion of the "workshop", the place where
work is carried out, where activities which go beyond paid employment
should be possible. Independent of the social security system, whose
value and necessity remains unquestioned, meaningful activity centres
on social involvement within the group, without the latter being
allowed to be repressive. Equally important is the social recognition
of such "workshops", this being achieved by providing them with an
"aura" equivalent to that which surrounds paid work, in addition to the
necessary "basic provision" for those working in them. Antizipatorische kulturpolitische Vernunft bzw. Phantasie muß sich der Zukunft der Arbeitsgesellschaft zuwenden. Im Zeitalter der Mikroprozessoren wird Arbeit - im abendländischen Bereich weitgehend mit der "Sinnerfüllung" ("Ressource Sinn") identisch - knapp. Gesellschaftspolitisch ist ein neuer, und zwar permanenter Lastenausgleich notwendig: Arbeit ist gerecht zu verteilen. Das entscheidende Mittel dazu ist Arbeitszeitverkürzung (die Lebensarbeitszeit wie Tagesarbeitszeit betreffend). Freizeit definiert sich dann zunehmend nicht mehr als Ausgleichs- oder Regenerationszeit, sondern als Möglichkeit für humane Selbstverwirklichung. Der ökonomisch, aber auch ideologisch bestimmte Begriff "Arbeit" (ein reduzierter, die Entfremdung verinnerlichender Begriff) wird in Richtung "Tätigkeit" (Meta-Arbeit) erweitert. Wenn auch bestimmt
durch ein unterschiedliches erkenntnisleitendes Interesse, ergibt sich
eine Konvergenz zwischen industriegesellschaftlicher und
kulturanthropologischer Handlungsperspektive: Die "Unternehmenskultur"
(corporate identity) automatisierter Produktion bedarf des
reprofessionalisierten, aus dem Drill der Spezialqualifikation
entlassenen Mitarbeiters. Die finanziellen, topogenen, personellen Voraussetzungen für "Tätigkeit" sind dementsprechend zu schaffen; dadurch werden auch die Menschen zur sozial gesteuerten Innovation (Peter Glotz) besser befähigt. "Der Erfolg und die emanzipatorische Wirkung von Arbeitszeitverkürzung (natürlich ohne Lohnausfall) hängt im übrigen viel davon ab, ob die Gewerkschaften und auch die Kommunen, politischen Verbände, Kirchen usw. den Menschen in ihrer freigesetzten Zeit Möglichkeiten und Rahmenbedingungen zur Selbstgestaltung ihres Lebens und ihrer Lebenswelt, ihrer Umwelt und ihrer individuellen und kollektiven Bedürfnisse und Bedürfnisbefriedigung zu bieten wissen."1 I. "Jetzt aber
herrscht das Bedürfnis und beugt die gesunkene Menschheit unter
sein tyrannisches Joch. Der Nutzen ist das große Idol der Zeit,
dem alle Kräfte fronen und alle Talente huldigen sollen. Auf
dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht,
und, aller Aufmunterung beraubt, verschwindet sie von dem
lärmenden Markt des Jahrhunderts." So Friedrich Schiller im
zweiten Brief Über die ästhetische Erziehung des Menschen;
geschrieben 1793 unter dem Einfluß der französischen
Revolution, die der Dichter als Befreiung der Menschheit
begrüßte und als Perversion des Menschlichen verurteilte,
will er dem alles überwuchernden Anspruch der Nützlichkeit
das "Ganz andere", die Kunst, die Kultur, die Ästhetik,
entgegensetzen. Schiller verleiht diesem Satz politisch-praktische Relevanz, indem er fortfährt: "Dieser reine Mensch, der sich mehr oder weniger deutlich in jedem Subjekt zu erkennen gibt, wird repräsentiert durch den Staat; die objektive und gleichsam kanonische Form, in der sich die Mannigfaltigkeit der Subjekte zu vereinigen trachtet. Nun lassen sich aber zwei verschiedene Arten denken, wie der Mensch in der Zeit mit dem Menschen in der Idee zusammentreffen, mithin eben so viele, wie der Staat in den Individuen sich behaupten kann: entweder dadurch, daß der reine Mensch den empirischen unterdrückt, daß der Staat die Individuen aufhebt; oder dadurch, daß das Individuum Staat wird, daß der Mensch in der Zeit zum Menschen in der Idee sich veredelt." Soll der "Mensch in
der Zeit" mit dem "Menschen in der Idee" zusammentreffen, so geht es -
auf unser Jahrhundert bezogen sowie auf den Bereich des Nützlichen
und des Schönen eingegrenzt - um die positive Beantwortung
folgender Fragen: Wie ist es mit dem "ästhetischen Staat" heute
bestellt? Wie steht es mit dem Bürgerrecht auf kreative
Verwirklichung? Wie mit der ästhetischen Erziehung in unserer
Gesellschaft? Haben wir einen Menschen ermöglicht, der "nur
spielt, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und nur da
ganz Mensch ist, wo er spielt"? Ist die Demokratisierung des
Schönen vollzogen? II. Eine eigenartige,
in ihrer Gefährlichkeit noch kaum erkannte Pseudo-Demokratisierung
des Schönen hat in unserer Zeit die Warenästhetik bewirkt.
Praktisch alle stehen unter der Sogwirkung der Reklamewelt. Die
Warenästhetik unterscheidet nicht zwischen Außenwelt und
Innenwelt; die Außenwelt wird als Innenwelt ausgegeben, die
Innenwelt ist als Außenwelt zugänglich. Gehandelt werden
sowohl Gebrauchs- wie Innerlichkeitswerte, zwischen beiden ergibt sich
eine enge Korrelation, beide sind verpackt in eine Hülle des
Scheins. Die "Aufhebung" der Warenästhetik erfolgt weder über Kulturpessimismus noch über Kulturheuchelei. Sie ist Teil einer ästhetischen Erziehung, Teil einer warenästhetischen Erziehung, die weiß, daß man als Fisch im Wasser schwimmen muß, wenn man gegen den Strom schwimmen will. Modelle solcher ästhetischen Erziehung, vorwiegend in den letzten zwanzig Jahren, haben konkret aufgezeigt, wie man didaktisch dabei vorgehen kann, wie man den Trivialmythen entgegenzutreten vermag, indem man sie ernst nimmt; wie man die Tagträume erhält, aber verhindert, daß sie zur Beute der Betrüger werden; wie man die Welt sinnlich sich aneignet, ohne ihrer Stofflichkeit zu verfallen. Damit ist auch umrissen, was insgesamt Aufgabe im ästhetischen Staat zu sein hat. Dem Politiker vor allem ist dies begreiflich zu machen; nicht in Sonntagsreden, sondern dort, wo der Mensch für das Zusammentreffen mit der Idee konkret "konditioniert" werden soll - bei Haushaltsberatungen, Stadtplanungssitzungen, Lehrplanfestlegungen usw. Demokratisierung des Schönen ist eine Lebensnotwendigkeit - es sei denn, wir begreifen den Menschen nur als leibliches Wesen, das es abzusättigen gilt, dessen mentale Verelendung aber nicht berührt. Kulturpolitik hat für eine solche große Aufgabe die vielfältigsten Modelle entwickelt; doch sind es leider oft nur Denk-Modelle. III. "Wir traten ans Fenster. Es donnerte abseitswarts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte: - Klopstock! - Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß."3 Diese zentrale Stelle aus Goethes Leiden des jungen Werthers kann auch kulturpolitisch gedeutet werden. Demokratische Ästhetik impliziert Demokratisierung kultureller Zeichen: jeder muß "Klopstock!" sagen können, wenn er die Heiterkeit des Gewitternachregens erlebt. Demokratisierung des Schönen bedeutet:
Hineingesprengt werden muß Ästhetik in diesem Sinne in den Alltag, in die stereotypen Szenarien unseres Lebens, in die Zwänge, damit die Stunden wahrer Empfindungen häufiger schlagen. Augen-Blicke, da das "Schöne, Gute und Wahre" aufscheint, sich die Begegnung des Menschen mit der Idee vollzieht. (Das "Schöne, Gute und Wahre"- was hat man mit diesen Begriffen getan, bis sie von affirmativen Sinndeutern systemstabilisierend oktroyiert werden konnten!) "Schönheit ist
läßt Peter Weiss in seinem Stück Hölderlin Schiller zu Hölderlin sagen. Und im gleichen Stück sagt Marx zu Hölderlin: "Zwei Wege sind
gangbar Um diesen "anderen Weg" geht es bei ästhetischer Erziehung! Man muß ihn gehen wollen, gehen können und gehen dürfen - und, wenn dies erschwert wird, das Gehen-Dürfen durchsetzen! IV. Im Vorwort der
Neuausgabe (1949) seines 1932 erschienenen "Romans der Zukunft" Schöne
neue Welt spricht Aldous Huxley davon, daß es heute keinen
Grund mehr gebe, warum der neue Totalitarismus dem alten gleichen
solle. Ein Regieren mit Hilfe von Knüppeln und
Erschießungskommandos, mittels künstlicher Hungersnot,
Massenverhaftungen und Massendeportationen sei nicht nur unmenschlich
(darum schere sich heutzutage niemand viel), sondern beweisbar
leistungsunfähig und damit, in einem Zeitalter fortgeschrittener
Technik, eine Sünde wider den Heiligen Geist. Steht die "schöne" neue Welt bevor, wie sie Huxley beschrieben hat - gefährlicher als George Orwells Alptraum vom totalitären Staat der Zukunft (1984)? In Hinblick auf die heute erkennbaren Trends ergäbe sich eine Mischung aus Genetik, Mikroprozessoren, Television und Tranquilizern... Oder wird es gelingen, einen Weg in die Zukunft zu finden, der - um mit Klaus Haefner, einem konservativen Futurologen, zu sprechen - zu einer human-computerisierten Gesellschaft zu führen vermag? In seinem Gedicht Die Ideale preist Schiller die Beschäftigung, die nie ermattet: "... die langsam schafft, doch nie zerstört,/die zu dem Bau der Ewigkeiten /zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,/ doch von der großen Schuld der Zeiten / Minuten, Tage, Jahre streicht." Verwendet man einen
solchen, aus idealistischer Philosophie geborenen Grundsatz humaner
Enkulturation als Sonde, um die gegenwärtige Befindlichkeit der
Arbeitsgesellschaft zu eruieren, so wird man feststellen können,
daß Beschäftigung in vielen Bereichen längst ermattet
ist, ermattet sein muß - hat doch gerade das abendländische
Arbeitsethos dazu geführt, daß die Möglichkeiten
für Arbeit immer geringer werden. Die Arbeitsproduktivität in den Unternehmen wird zunehmend unabhängiger von menschlicher Arbeitskraft - und so eines Tages fast unbegrenzt sein. Die neuen Technologien (Mikroelektronik in Verbindung mit der Entwicklung neuer Werkstoffe und Fertigungsverfahren, der Fortschritt in der Meß- und Handhabungstechnologie, die systemartige Verschränkung betrieblicher Abläufe mit Hilfe der EDV etc.) sind Job-Killer, weil sie die Arbeitsvollzüge in der industriellen Produktion grundlegend verändern, das Beschäftigungsvolumen verringern und deswegen Arbeitslosigkeit bewirken. Mit Recht nennt Oskar Negt Arbeitslosigkeit einen Gewaltakt, einen "Anschlag auf die körperliche und seelisch-geistige Integrität, auf die Unversehrtheit der davon betroffenen Menschen"; sie sei "Raub und Enteignung der Fähigkeiten und Eigenschaften, die innerhalb der Familie, der Schule und der Lehre (vorausgesetzt, diese Ausbildungsstufe" werde "überhaupt noch erreicht) in der Regel in einem mühsamen und aufwendigen Bildungsprozeß erworben wurden und die jetzt, von ihren gesellschaftlichen Betätigungsmöglichkeiten abgeschnitten, in Gefahr" stünden, "zu verrotten und schwere Persönlichkeitsstörungen hervorzurufen." 6 Die jeweils noch vorhandene (übriggebliebene) "lebendige" Arbeit muß gerecht verteilt werden. Das dafür zur Verfügung stehende Instrumentarium umfaßt Teilzeitbeschäftigung, Vorruhestandsregelung, Beurlaubungsmodelle und andere Formen der "Parzellierung" von Arbeitsplätzen; die Reduzierung der Wochenarbeitszeit wird sich am stärksten auswirken und ist im Sinne des "Lastenausgleichs" besonders notwendig. V. In seinem 1937 erschienenen Buch Die Angst vor dem Chaos hat Joachim Schumacher mit folgendem Dialog im Ruhrort einen gesellschaftspolitisch "negativen Regelkreis" exemplarisch beschrieben: "Kind: Warum ist es
so kalt bei uns, Mutter? Strukturell sind
wir in unseren Tagen wieder bei einem derartigen Circulus vitiosus
angekommen: Die infolge der technologischen Entwicklung "Freigesetzten"
werden mit Hilfe der Kulturindustrie stillgesetzt, z.B. durch
"Telekratie" abgesättigt. Die vom emanzipatorischen Handeln
abgelenkten, in konsumptive Idyllik "verführten", von Arbeit
entlasteten, und vor den Fernsehern amüsierten
"Müßiggänger" sind in einem gewissen Umfange wieder zu
mobilisieren, damit die (wenn auch reduzierten) staatsbürgerlichen
Rechte und Pflichten einigerma&azlig;en wahrgenommen werden. VI. Wieviel Arbeit
braucht der Mensch? Braucht der Mensch Arbeit? Ist Arbeit
Lebensbedürfnis? Ist für die Befriedigung der
Lebensbedürfnisse Arbeit notwendig? Wird tätiges Leben durch
Arbeit ermöglicht oder verhindert? Der Knecht wird eine andere
Antwort geben als der Herr. Die Lebens-, Arbeits- und Weltanschauung
hängt davon ab, ob man sich unten oder oben befindet. "Im
Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen",
heißt es im Alten Testament. Eine solche Maxime war und ist,
zumindest für den überwiegenden Teil der Menschheit, nicht
eine Entscheidung des freien Willens, sondern der Notwendigkeit. Arbeit ist eine
historisch-fundamentale, keine anthropologisch-moralische Kategorie.
Freilich wurde für diejenigen, die arbeiten mußten, um leben
zu können, der Entzug von Lebensglück (durch ein
Übermaß von Arbeit) dadurch kompensiert, daß man sie
mit irrealen Utopien abspeiste. Das Paradies war auf Erden nicht zu
erlangen. Karl Marx verhieß es der kommunistischen Gesellschaft,
in der jeder nicht einen ausschließlichen Kreis von
Tätigkeit habe, sondern sich in jedem beliebigen Zweig ausbilden
könne, "und mir eben dadurch möglich macht, heute dies,
morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends
Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade
Lust habe; ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden."9 VII. Wird, was Marxismus
und Sozialismus nicht bewirken konnten, nun in Computopia in Form der
Homuter-Gesellschaft realisiert werden? Die Möglichkeiten
dafür dürften so groß sein wie die Schwierigkeiten, die
einer solchen Entwicklung entgegenstehen. Wird auch die Arbeit weniger
- Oswald von Nell-Breuning meint sogar, Arbeit im heutigen Sinne werde
in Zukunft nur noch Nebenbeschäftigung sein -, Erwerbsarbeit und
Tätigkeit (mit sozialer Grundsicherung) sind deshalb noch lange
nicht entkoppelt. Besteht
"Herrschaft" in der Mikroorganisation von Raum und Zeit, so bedeutet
die Verlängerung des "Lebenstages" nun die Möglichkeit, Zeit
als Raum für menschliche Tätigkeit in einem ganz anderen
Maße als bislang nutzen zu können. Das über hundert
Jahre durchgängige Argument, daß die zunehmende
Komplexität der Produktionsprozesse und die Intensivierung der
Arbeit längere Regenerationszeiten notwendig mache, ist zwar mit
der 35-Stunden-Woche noch nicht aufgehoben; die Zunahme des
"Zeitanteils für das Menschsein" macht jedoch Freizeit als
"reaktive" Regenerationszeit immer weniger notwendig. Vernachlässigt
wurde bislang die Vermittlung sozialer und kultureller Kompetenz, eben
die Fähigkeit, sich in einem postmateriellen Sinne "lustvoll"
betätigen zu können. Zugespitzt formuliert: arbeitete man
bislang, um sich (etwas) Lebensgenuß verschaffen zu können,
so wird man lernen müssen zu genießen, ohne zu viel arbeiten
zu dürfen. Die libidinöse Moral eines postmateriellen
Wertesystems ("Genießen") ist nicht egozentrisch zu sehen; es
geht darum, eine neue "bürgerliche" Lebensform zu entwickeln, die
sowohl die Freude am anderen als auch die Hilfe für den anderen
ins Zentrum von "Tätigsein" rückt. VIII. Der Topos, der
Tätigkeit bzw. Meta-Arbeit lokalisiert, heißt Werk-statt -
eine "pädagogische Verbindung" (Konstellation, Disposition,
Figuration), die man "für eine Art von Utopie" halten kann. "Es
schien mir, als sei unter dem Bilde der Wirklichkeit eine Reihe von
Ideen, Gedanken, Vorschlägen und Vorsätzen gemeint, die
freilich zusammenhingen, aber in dem gewöhnlichen Lauf der Dinge
wohl schwerlich zusammentreffen möchten."11 In einem strukturellen Sinne kann der Bildungsroman Wilhelm Meisters Wanderjahre Denkhilfe für die Werkstatt-Idee leisten. Entsprechend der Aufteilung des Romans in drei Bücher ergibt sich in diesem Werk eine "Stufung, in deren Verlauf Wilhelm Meister 'durch einige Urbilder humaner Lebensführung' hindurchgeleitet und 'zur Reife seiner Lebensansehauung' geführt, dann der 'Blick auf die Maßstäbe, die für die künftige Gesellschaft gültig sein sollen', gelenkt wird und schließlich 'die Welt des Wandererbundes' als Welt der 'Verwirklichung' in den Vordergrund rückt". 12 In der Herberge der
Auswanderer sagt Lenardo, der Anführer der sich für die
Ausreise nach Amerika vorbereitenden Emigranten, daß man sich
tausendfältig aufgefordert fände, die Augen vor weiterer Aus-
und Umsicht keineswegs zu verschließen. "Eilen wir deshalb
schnell ans Meeresufer und überzeugen uns mit einem Blick, welch
unermeßliche Räume der Tätigkeit offen stehen, und
bekennen wir schon bei dem bloßen Gedanken uns ganz anders
aufgeregt. Zur
"Fortwanderungsrede" Lenardos korrespondiert Odoards "Beharrungsrede"-
wobei zu bedenken ist, daß es sich bei den Figuren der Wanderjahre
um Träger bestimmter Ideen handelt. Beide sprechen und agieren aus
der Sorge vor dem "überhandnehmenden Maschinenwesen"; Lenardos
Auswanderergesellschaft mit dem Ziel eines Kolonisationsprojekts in
Amerika spiegelt gewissermaßen einen transzendierenden, der
Handwerkerbund Odoards mit dem Ziel eines Kolonisationsprojekts in
einer europäischen Provinz einen immanenten Mobilismus; sie sind
beide, je auf ihre Weise, im Aufbruch, um eine neue Synthese von
Erwerbsarbeit und Tätigkeitsarbeit zu finden, lebendige Arbeit im
Reich der Freiheit zu "bewerkstelligen". Ein weiterer
großer Bildungsroman der deutschen Literatur kann für die
poetisch-philosophische Fundierung der Werkstatt-Idee herangezogen
werden. In Adalbert Stifters Der Nachsommer kommt Heinrich
Drendorf, Hauptfigur des Werks, auf einer seiner ausgedehnten
Wanderungen, vor einem Gewitter Zuflucht suchend, auf das Anwesen des
Freiherrn von Risach. "Er folgt der Einladung des Hausherrn,
länger zu bleiben, und lernt nun in dessen Besitz (Haus, Garten,
landwirtschaftlich genutzte Fläche, angegliederte Kunsttischlerei)
einen Kleinstkosmos kennen, der bis ins Detail nach Prinzipien der
Rationalität, der Effektivität, aber auch der kunstgerechten
Wirkung geordnet ist." IX. "Werkstatt"- als
Ort, da Werke stattfinden, Topos eines soziokulturellen
Begründungszusammenhanges mit der Absicht, Tätigkeit
(jenseits der Erwerbsarbeit) zu ermöglichen - muß als
überwölbender Begriff verstanden werden; er intendiert
veränderte Fortführung des Bestehenden wie Schaffung neuer
sozialer, pädagogischer und kultureller Einrichtungen. Neben die
großen sozialen Sicherungssysteme, deren Wert und Notwendigkeit
unbestritten ist, müssen "Orte" treten, die durch "spürbare
Nähe" und nicht durch "soziale Fernwärme" geprägt sind. " Eine "Kategorientafel" für Werkstatt-Praxis sollte beachten:
Der wirtschaftliche Nutzen der Werkstatt kann hinzukommen - so wie er sich bei vielen Projekten der alternativen Schattenwirtschaft, die man besser "Parallelwirtschaft" nennen sollte, wenn auch meist nur in sehr bescheidener Form einstellt. Geht man, so Klaus Haefner, von der Prämisse einer gesicherten "Grundversorgung" in einer human computerisierten Gesellschaft aus, so müsse man sich darüber klar sein, daß die auf dieser Grundversorgung aufbauende Wirtschaft eine außerordentlich komplizierte Struktur haben werde. Viele Bereiche alternativer Wirtschaftsformen würden entstehen, die nicht mehr einbindbar in heutige rechtliche und wirtschaftspolitische Rahmenvorschriften seien. Was in Form der
Schattenwirtschaft bzw. Dualwirtschaft bzw. informeller Ökonomie
entstehe, sei im Augenblick eine "zweite Realität", eine
Ökonomie mit eigenen Gesetzen (einschließlich des
Naturalientauschs und gegenseitigen Dienstleistungsverkehrs) - so Oskar
Negt. Zur Zeit werde der zweiten Ökonomie sozialpsychologisch eine
zentrale Kompensationsleistung aufgebürdet: "'Latent
Arbeitssüchtige', mithin diejenigen, die jahrzehntelang in ihrer
Lebensgeschichte auf Normen der Leistungsmoral gedrillt wurden, so
daß sie ihnen praktisch zur zweiten Natur geworden ist,
würden Schwierigkeiten haben, mit ihrer Freizeit etwas Sinnvolles
anzufangen. Die Werkstatt-Idee,
als selbstbewußte, nicht kompensatorische politische
Programmatik, will versuchen, die Schattenwirtschaft aus dem Schatten
der Illegalität herauszulösen und zu legitimieren (und das
heißt auch: zu subventionieren). Damit wird sie nicht mehr in die
zweite Realität bzw. Sub-Realität verbannt, sondern der
gesamtgesellschaftlichen Realität integriert - was zum Beispiel
bei der Landwirtschaft, mit dem Ziel der Erhaltung bäuerlicher
Familienwirtschaft (neben der perfektionierten und industrialisierten
landwirtschaftlichen Produktion), erfreulicherweise bereits eine
Selbstverständlichkeit ist. X. Wenn es gelingt, die Arbeitszeit wesentlich zu verkürzen und so Arbeit gerecht zu verteilen, den Zugang zu dieser verbleibenden Arbeit allen zu ermöglichen (nicht zuletzt durch die intensive Vermittlung von Schlüsselqualifikationen), wenn es gelingt, soziale und kulturelle Kompetenz zu ermöglichen, so daß "freie Zeit" nicht zur Beute der Betrüger wird (also den Verführungsstrategien der Warenästhetik und Kulturindustrie nicht widerstandslos überlassen bleibt), wenn es gelingt, den reduzierten Arbeitsbegriff auf "Tätigkeit" hin auszuweiten und die entsprechende Topographie zu schaffen (z.B. in Form von Werkstätten und "vieldimensionalen" Lernorten), wenn all dies zumindest in Gang gesetzt wird (kann man doch das Ziel nur erreichen, wenn man sich auf den Weg macht) - dann braucht einem für die Zukunft der Industriegesellschaft nicht allzu bange sein. * Der Autor ist Schul- und Kulturdezernent der Stadt Nürnberg. (back) Anmerkungen1 Kapitalistisches Konsummodell und
Emanzipation. Streitgespräch zwischen A. Gorz, P. Glotz und T.
Fichter. In: Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Jg.33, 1986. S.
388-403. S. 392 (Zitat von A. Gorz). (back) URL:
http://www.theatrelibrary.org/sibmas/congresses/sibmas88/mannheim1988_04.html |
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