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Visuelle Transformation von Theatergeschichtlichem für TheaterausstellungenAmmerkungen zur maßstabgerechten Nachbildung des Hamburger Theaters am Gänsemarkt von 1765, des späteren NationaltheatersDieter Fratzke (Kamenz) Theatersammlungen und Öffentlichkeit / Les Collections Théâtrales et le Public / Theatre Collections and the Public 17. Internationaler SIBMAS-Kongreß / 17ème Congrès International de la SIBMAS / 17th International SIBMAS Congress, 1.-9. September 1988, Mannheim Bericht / Actes / Documentation. Red.: Liselotte Homering. Mannheim : Städtisches Reiß-Museum, 1990. pp. 97-101 Abstract: Gotthold Ephraim Lessing has gained great merit for the development of the bourgeois national theatre in Germany as well as a writer and as a scholar of the enlightenment. To make this statement obvious in our exhibition of literature at the Lessing Museum Kamenz theatre items have proved to be especially suitable. By means of graphic demonstration such witnesses of valuation, in connection with items of literature and other objects of collection, have been compiled to produce a visual appearance, which are to have a communicative effect on the viewer. To strengthen this effect and to follow the differentiated structure of our visitors in a better way the museum has developed a system by which the exposition, oral help and written hints form an interrelated unity. If no visual items were available it was tried to reach a visual transformation of the theatre history by means of museal substitution. So among others several theatre and stage models were made. With the example of the true to scale reproduction of the Hamburger Theater am Gansemarkt (Theatre on the Geese Market) of 1765, the later National Theatre, the author intends to prove that a museal model can be a suitable form of illustration for theatre exhibitions. Seinem Gegenstand entsprechend ist das Lessing-Museum Kamenz ein Literaturmuseum. Folglich sammelt, bewahrt und erschließt es vornehmlich literarische Zeugnisse, aber auch andere Objekte aus Geschichte und Gegenwart, die museumsspezifische Forschungen und literaturmuseale Präsentationen zum Leben und Schaffen des Dichters ermöglichen. Da Gotthold Ephraim Lessings Biografie wie auch sein Werk zudem einzigartig mit der Theaterentwicklung des 18. Jahrhunderts verbunden sind, gilt es, diese wesentliche Komponente seines Wirkens beim Sammeln und Ausstellen sowie in der wissenschaftlichen und museumspädagogischen Arbeit gebührend zu berücksichtigen. Erinnert sei hier nur an Miß Sara Sampson, Minna von Bamheim, Emilia Galotti und Nathan der Weise sowie an die Mitarbeit des Dramatikers am Hamburger Nationaltheater-Projekt von 1767/68 und die in jenen Jahren entstandene Hamburgische Dramaturgie. Mit unserer ständigen Ausstellung und deren Komplementärformen verfolgen wir deshalb die Absicht, Lessing als einen großen Schriftsteller und Gelehrten des Zeitalters der Aufklärung darzustellen, der vor allem ein hervorragender Theoretiker und Praktiker gewesen ist. So sind es speziell seine folgenreichen Leistungen f¨r die Herausbildung des bürgerlichen Nationaltheaters in Deutschland, die bei der musealen Gesamtdarstellung den inhaltlichen Schwerpunkt bilden. Für die Visualisierung solcher Informationen und Wertungen haben sich in der Kamenzer Literaturausstellung sowohl historische als auch aktuelle Theatralia als besonders geeignet erwiesen, vor allem Figurinen, Kostüme, Entwürfe von Bühnenbildern und Theater- bzw. Bühnenmodelle. Durch museales Dokumentieren und publikumsbezogenes Gestalten wurden diese Wertungszeugen der Bühnenkunst in Verbindung mit anderem Sammlungsgut, vorwiegend aussagefahigen Literaria, zu visuellen Erscheinungsbildern zusammengefügt, die auf den Betrachter kommunikativ einwirken sollen, indem sie Impulse zum Nachdenken über den Aufklärer und sein Lebenswerk vermitteln, Gespräche zwischen den Besuchern und mit Museumsmitarbeitern provozieren, zum Lesen in der Ausstellung und darüber hinaus anregen, möglicherweise auch Anstöße für einen Theaterbesuch geben. Wegen der unumgänglichen Verkürzungen bei den Ausstellungsinhalten und aufgrund der unterschiedlichen Rezeptionsvoraussetzungen bei den Besuchern muß die Mitteilungsleistung einer visuellen Präsentation über Literatur und Theater aflerdings von vornherein relativ begrenzt bleiben. Nach meinem Dafürhalten ist es deswegen sinnvoll und zweckmäßig, die Bildsprache der Exposition mit möglichst vielfältigen Darstellungsformen mündlicher und schriftlicher Sprachkommunikation zu ergänzen. Dementsprechend entwickeln wir in unserem Museum seit Beginn der achtziger Jahre ein System, bei dem Ausstellung, mündliche Informations- sowie Aneignungshilfen und expositionsbezogenes Schrifttum ein einheitliches Beziehungsgefüge bilden. Unsere bisherigen Erfahrungen besagen, daß mit dieser Methodik die Wirksamkeit der Literaturausstellung erheblich gesteigert werden kann, und zwar vor allem deshalb, weil sich dadurch immer wieder neue Chancen eröffnen, der überaus differenzierten Besucherstruktur besser zu entsprechen. (Das Publikum des Kamenzer Lessing-Museums setzt sich u.a. aus Vorschulkindern, Schülern, Studenten, Pädagogen, Literatur- bzw. Theaterfreunden, Fachwissenschaftlern, Reisegruppen und Arbeitskollektiven zusammen, denen wir spezifische Rezeptionsvorschläge für den Ausstellungsbesuch unterbreiten.) Anders gesagt: Die in den eingesetzten Exponaten liegende Wertung und die durch die Ausstellungsgestaltung vermittelte Wertsetzung finden infolge der Steuerungsfunktion der beiden zusätzlichen Vermittlungsebenen, also der mündlichen und schriftlichen Mitteilungsformen, eine beträchtliche Verstärkung, was vor allem darin zum Ausdruck kommt, daß sich unser Museum seit einigen Jahren zu einem Rezeptionsort für Literatur und Theater entwickelt - natürlich am Beispiel Lessings. Die Einrichtung eines Vortrags- und eines Lesekabinetts, wo museumspädagogische Aktivitäten stattfinden bzw. die Hefte unserer Schriftenreihe eingesehen werden können, hat dazu wesentlich beigetragen. (Diese beiden Gesellungs- und Kommunikationsräume befinden sich übrigens unmittelbar in der Ausstellung.) Da selbstverständlich auch in einem derartigen, ganzheitlich strukturierten Informationssystem die schaubare Vermittlungsebene der eigentliche Anlaß und das permanente Bezugsfeld für literaturmuseales Kommunizieren sein muß, sind die Exponate unbedingt in einer Gestaltungsvariante zu präsentieren, die als visuelles Kommunikationsangebot möglichst wirkungsvoll greift. Aus diesem Grund haben wir für unsere Exposition eine dokumentierende Inszenierung gewählt, deren durchgehend farbige Grafik den Besuchern den Zugang zu den recht komplizierten Ausstellungsinhalten optisch erleichtern soll. Wenn dafür aus der Sammlung keine sinnlich-anschaulichen Wertungszeugen bereitgestellt werden konnten, solche auch nicht zu beschaffen waren, wurde der Versuch unternommen, durch museale Substitution eine visuelle Transformation von Theatergeschichtlichem zu erreichen. Zu diesem Zweck entstanden u.a. mehrere Theater- bzw. Bühnenmodelle, von denen hier als Beispiel die Nachbildung des Hamburger Theaters am Gänsemarkt von 1765, des späteren Nationaltheaters, in der gebotenen Kürze vorgestellt werden soll, um zu zeigen, daß ein Modell eine geeignete Veranschaulichungsform für Theaterausstellungen sein kann und dadurch zu einem wirkungsvollen musealen Exponat wird. Will man im Museum die fachwissenschaftliche Erkenntnis vermitteln, daß Lessing in der Welt des Theaters am stärksten und nachhaltigsten gewirkt hat, bedarf es als Grundvoraussetzung sichtbarer Objekte, die das Interesse der Besucher herausfordern und somit literaturmuseale Kommunikation in Gang bringen. Deshalb sind für die Visualisierung des theatergeschichtlichen Aspektes der Kamenzer Literaturausstellung u.a. Modelle einer einfachen Kulissen-Bildbühne (Schultheater), einer Komödianten-Bude (Wandertruppentheater), einer Simultanbühne (französisches klassizistisches Theater) und des Londoner Fortunatheaters (Shakespeare) geschaffen worden. Diese Rekonstruktionen historischer Theatereinrichtungen ergänzen als dreidimensionale Objekte effektvoll die visuellen Erscheinungsbilder in den Vitrinen, die den Lebensweg des Dichters unter besonderer Berücksichtigung seiner Beziehungen zum Theater dokumentieren. Da Lessings Bemühungen um das bürgerliche Nationaltheater ihren Höhepunkt in Hamburg erreichten, wo er als Dramaturg, Theaterdichter und Rechtskonsulent (d.h. Berater) am ersten Versuch einer Nationaltheatergründung für Deutschland mitgewirkt hat, verdienen diese Lebensstation und die dort verfaßte Hamhurgische Dramaturgie eine entsprechende Hervorhebung innerhalb der musealen Gesamtdarstellung. Doch außer einigen Literaria und Abbildungen standen uns dafür keine Exponate zur Verfügung. Auf der Suche nach räumlichen Objekten konnten wir zunächst eine verkleinerte Kopie des Hamburger Lessing-Denkmals von Fritz Schaper beschaffen, das seinen Platz auf dem Gänsemarkt hat. Dann gingen wir daran, ein Modell des Theatergebäudes zu gestalten, über dem in der Ausstellung grundlegende Gedanken aus der Hamhurgischen Dramaturgie als kurze, prägnante Zitate nachzulesen sein sollten. (Beispiele: "Die Komödie will durch Lachen bessern...", 29. Stück. "... Erzählung bleibt immer Erzählung, und wir wollen auf dem Theater wirkliche Handlungen sehen", 53. Stück. "Shakespeare will studiert, nicht geplündert sein", 73. Stück.) Davon erhofften wir uns beim Betrachter die sinnlichdenkende Erkenntnis, daß von diesem Schauspielhaus und Lessings Theaterstudien Fortschritte ausgegangen sind, die bleibende Bedeutung über die Zeit der Aufklärung hinaus hatten und haben. Die Voraussetzungen für eine solche Substitution waren jedoch sehr ungünstig: Von dem Theatergebäude am Gänsemarkt, das 1765 im Auftrag des Prinzipals Konrad Ernst Ackermann errichtet worden ist, existiert lediglich eine Bleistiftzeichnung aus dem Jahre 1827, die die Vorderansicht zeigt. Zwar findet sich in zeitgenössischen Veröffentlichungen immerhin eine allgemeine Beschreibung des Baukörpers und dessen Ausstattung, doch ohne Baupläne und Detailskizzen mußte die geplante Gestaltung eines räumlichen Abbildes zunächst unrealisierbar bleiben. Nach Aufhellung der Entstehungsgeschichte des Schauspielhauses begann deshalb die Suche nach authentischen Sachzeugen des Baugeschehens, von denen wir Aufschluß über die Konstruktion des Gebäudes und exakte Abmessungen erwarteten. Nach längeren Recherchen konnten entsprechende Dokumente schließlich im Hamburger Staatsarchiv aufgefunden werden: eine Schemaskizze des Grundrisses, eine (damit verbundene) Zeichnung der gesamten Holzkonstruktion und das Gebäude betreffende Senatsprotokolle, die wesentliche technische Einzelheiten sowie Skizzen enthalten. Dadurch war es möglich, eine Nachbildung zu schaffen, die ein weitgehend "maßstab-, funktions- und materialgerechtes, räumliches Abbild" sein muß, um die Anforderungen an ein museales Modell zu erfüllen.1 Zur Selbstverständigung unter den beteiligten Fachkollegen war zunächst die Anfertigung eines Arbeitsmodells im Maßstab 1:75 erforderlich, an dem deutlich wurde, daß mindestens ein Maßstab von 1:25 notwendig war, um den Besuchern die Besonderheiten dieses historischen Theaterbaus vorzuführen. Das ergab eine Modellgröße von 140 cm Tiefe, 70 cm Breite und 75 cm Höhe. In zweijähriger Arbeit schuf der Modellbauer eine weitgehend detailgetreue Rekonstruktion mit maßstabgerechten Einzelheiten wie Türen, Fenstern, Bühnen- und Parkett-fußboden, Dachstuhl, Dachziegeln und Verzierungen in den Innenräumen, über die hier leider nur verbal informiert werden kann. Die Tatsache, daß die Maße der Zeichnungen den Angaben der Beschreibung in den zeitgenössischen Veröffentlichungen entsprachen, beglaubigte die museale Substitution in überzeugender Weise. Wenn Hinweise auf Einzelheiten fehlten, wurde entweder die Gestaltung an den theatergeschichtlichen Entwicklungsstand angepaßt oder auf die Nachbildung von Details (z.B. Heizung und Beleuchtung) verzichtet. Die größte Originaltreue konnte bei der Vorderfront erreicht werden. Blickt man alsdann in das Innere des Modells, so ist der Anschauungswert räumlicher Darbietung offensichtlich. Beim Betrachten dieses Schauobjektes läßt sich so manches sichtbar deuten, was ansonsten nur mit Hilfe von Texten vermittelt werden kann. Beispielsweise ist aus der Konstruktion der Dachbinder zu erkennen, wie die ungewöhnlich hohe Decke im Zuschauerraum (drei Ränge!) möglich wurde und auf welche Weise in dem großen Bühnenhaus eine stabile Maschinerie errichtet werden konnte. (Wenn in Lessings Hamburgischer Dramaturgie bei der Auffuhrungskritik beachtliche Verwandlungen herauszulesen sind, dann muß es eine außerordentlich gute Bühnenausstattung gegeben haben, wovon das Modell zeugt.) Desweiteren ist zum Beispiel zu sehen, daß die Bühne eine großartige Perspektive ermöglichte, daß der Zuschauerraum großzügig gestaltet war, daß fur jede Platzgruppe bereits ein separater Ausgang zur Verfügung stand und daß die künstlerische Ausstattung zum Teil recht bemerkenswert gewesen ist. Auch liegt die Vermutung nahe, daß das Haus über eine sehr gute Akustik verfügt hat, was übrigens auch von der zeitgenössischen Kritik hervorgehoben wurde. Es handelt sich also beim Gänsemarkt-Theater, so wird der aufmerksame Betrachter erkennen, um eine imposante Theatereinrichtung des 18. Jahrhunderts, die - das sei unbedingt erwähnt - in einer Bauzeit von nur einem halben Jahr errichtet wurde. Für das Nationaltheater-Projekt, das 1767/68 in diesem Gebäude gewagt wurde, bot es demnach nahezu ideale Voraussetzungen. Wie wir wissen, sind die Ursachen für das Scheitern des Hamburger Unternehmens auch durchaus nicht etwa auf die theatertechnischen Bedingungen zurückzuführen, sondern vielmehr auf einen Umstand, den Lessing in seiner Hamburgisehen Dramaturgie als "den gutherzigen Einfall" charakterisierte, "den Deutschen ein Nationaltheater zu verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind!" (19. April 1768). Mit Kontextinformationen dieser Art begeben wir uns aber schon auf die mündliche oder schriftliche Vermittlungsebene, die bei weitem eine größere hermeneutische Funktion zu erfüllen vermögen als die schaubare. Für einen solchen komplementären Zugriff auf das Museumspublikum brauchen wir in jedem Falle freilich zunächst erst einmal erlebnisvermittelnde Exponate mit möglichst hohem Anschauungswert, wozu nach unseren Erfahrungen und Erkenntnissen Theatermodelle zu rechnen sind. Anmerkung 1 Vgl. Kleines wörterbuch des Museumswesens. Hrsg. v. Institut für Museumswesen in der DDR. Berlin, 1985.(back) Literaturhinweis Wer genauere Informationen über die Vorgeschichte des Hamburger Nationaltheaters und die Entstehung des Modells vom Schauspielhaus am Gänsemarkt wünscht, dem sei mein ausführlicher Beitrag zu diesem Thema im Lessing Yearbook, 20, l988, S.1-14, empfohlen. URL:
http://www.theatrelibrary.org/sibmas/congresses/sibmas88/mannheim1988_13.html
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