|
|
![]() |
Einige Erfahrungen beim Aufbau einer Theaterausstellung im Märkischen Museum BerlinRuth Freydank (Berlin) Theatersammlungen und Öffentlichkeit / Les Collections Théâtrales et le Public / Theatre Collections and the Public 17. Internationaler SIBMAS-Kongreß / 17ème Congrès International de la SIBMAS / 17th International SIBMAS Congress, 1.-9. September 1988, Mannheim Bericht / Actes / Documentation. Red.: Liselotte Homering. Mannheim : Städtisches Reiß-Museum, 1990. pp. 102-106 Abstract:: The organization of a permanent exhibition on the history of the theatre in Berlin was completed under various constraints which underlay the basic consideration of the whole concept:
Special foreknowledge cannot be expected of museum visitors, particularly those of theatre historical exhibitions. It was therefore attempted, by means of certain especially attractive exhibits, to convey specific knowledge in stages:
The author states that only theatre specialists should organize theatre exhibitions, but stresses at the same time that training in this subject, particularly with a view to the areas of visual art and architecture, is insufficient for the designing of such an exhibition. Exhibitions, however, ought to orientate themselves towards the aesthetic criteria of each period to be represented and should present this period in pictures. At the Märkisches Museum an attempt was made to depict the history of the theatre in Berlin in this manner. This fact was not mentioned in the public criticism, but the daily visitors felt this kind of presentation was not only pleasant but also surprising. Das Märkische Museum ist ein ausgesprochenes Regionalmuseum, das die umfassende Darstellung der Berliner Stadtgeschichte zum Gegenstand hat. Seit 1965 existiert in diesem Hause neben verschiedenen Fachabteilungen zur Geschichte und Kunst auch eine spezialisierte Abteilung Berliner Theatergeschichte und Literatur. 1979 erteilte mir die Leitung des Hauses den Auftrag, mit der Vorbereitung und Erarbeitung einer Ausstellung zur Berliner Theatergeschichte zu beginnen. Es sollte sich hierbei um eine ständige Ausstellung handeln, die, wenn auch als selbständiger Teilbereich, sich in das Gesamtkonzept der Museumsexposition einzufügen hatte. Weiterhin wurde die Bedingung gestellt, diese Ausstellung sei nicht in einem Zuge zu installieren, sondern in mehreren Etappen, die sich über sechs Jahre verteilen sollten. Für die Ausstellung standen vier Räume mit insgesamt 170 m2 zur Verfügung. Dies waren Arbeitsbedingungen, die von vornherein dem inhaltlichen wie dem gestalterischen Konzept bestimmte Grenzen setzten. Alle inhaltlichen Fragen der Theaterentwicklung Berlins stellten sich somit im Hinblick auf ihre mittelbare oder unmittelbare Beziehung zu den historischen Ereignissen in und um Berlin. In Rücksichtnahme auf die Erwartungshaltung des Besuchers, der in einem Museum des hier umrissenen Typs in erster Linie etwas über die Stadt und ihre Geschichte zu erfahren wünscht, war diese Unterordnung bei der Konzipierung der Theaterausstellung unumgänglich. Auch eine zeitliche Eingrenzung des eigenen Gegenstandes war bei den begrenzten räumlichen Gegebenheiten unvermeidbar. Die Entscheidung fiel für den Zeitraum zwischen der Gründung der Königlichen Oper nach dem Regierungsantritt Friedrichs II. im Jahre 1740 und dem Ende der Weimarer Republik im Frühjahr 1933. 1981 wurde der erste Abschnitt der Ausstellung unter dem Titel Vön der Gründung der Königlichen Oper bis zum Niedergang des Königsstädtischen Theaters 1740-1850 eröffnet. Es folgten 1983 anläßlich der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Deutschen Theaters der Abschnitt Die Geschichte des Deutschen Theaters von der Gründung des Friedrich-Wilhelmstddtischen Theaters bis zum Ende der Reinhardt-Zeit 1848-1933, im Frühjahr 1986 Berliner Garten- und Geschäftstheater in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins im März 1987 die Eröffnung des letzten Abschnittes Berliner Theater in der Weimarer Republik. Die durch die äußeren Umstände vorgegebenen Zwänge - Einordnung in die Stadtgeschichte, begrenzte räumliche Gegebenheiten und das weite zeitliche Auseinanderliegen der Eröffnungstermine -, gaben Veranlassung, den umfangreichen Stoff auf das genaueste dahingehend zu befragen, wie er gestalterisch so umzusetzen sei, daß das didaktische Anliegen erfüllt werden konnte. Der Besucher mußte in die Lage versetzt werden, die ihm nur als Rumpfausstellungen zugänglichen Teile als etwas in sich Geschlossenes zu erfassen. Zugleich mußte ein Gestaltungsprinzip gefunden werden, das unabhängig von den einzelnen Stoffeinheiten immer wieder aufgegriffen und weitergeführt werden konnte, um das Ganze am Ende dann doch als einheitlich konzipierte und gestaltete Ausstellung kenntlich zu machen. Erste selbsterhobene Forderung war es deshalb, den Stoff für die einzelnen Abschnitte nach einheitlichen inhaltlichen Gesichtspunkten zu ordnen und dementsprechend das Material auszuwählen, sich bei der Auswahl einer ständigen Selbstkontrolle zu unterziehen und dabei nach dem Prinzip zu verfahren: weniger ist mehr. Der heutige Museumsbesucher ist in der Regel ohne spezielle Vorkenntnisse. Ihn führt ein allgemeines Interesse an der Geschichte, der Kunst, Natur und Technik in die Museen. Es würde gegen alle museologische Erfahrung sprechen, bei einem so spezialisierten Thema beim Durchschnittsbesucher mehr als ein allgemeines Interesse vorauszusetzen. Das machte es notwendig, mit dem angebotenen Wissen in einem für den Besucher überschaubaren Rahmen zu bleiben. Wer sich schon einmal vor eine solche Aufgabe gestellt sah, weiß, daß dies zum Schwierigsten bei der Konzipierung und Gestaltung einer musealen Ausstellung gehört. Meiner Meinung nach wird es von denjenigen am ehesten gelöst werden, die sich auf der Höhe des Forschungsstandes in unserer Fachdisziplin befinden, gleichzeitig aber auch den Stand der theoretischen Diskussion innerhalb der Museen verfolgen. Theaterausstellungen in den Museen sollten deshalb grundsätzlich von Theaterwissenschaftlern gemacht werden. Menschen, die ein Museum besuchen, haben eine einheitliche Grundeinstellung. Sie wünschen sich etwas anzuschauen, und sie wollen dies nach ihrer freien Entscheidung tun. Hier sind zwei grundlegende Gesichtspunkte angesprochen, die das Wesen des Museums berühren und ihm innerhalb des Kreises kultureller Informationsträger und -übermittler eine nur ihm zukommende Stellung einräumen. Theater, Film, Fernsehen, Radio, Vorträge und auch das Buch sind kulturelle Medien, in denen derjenige, der eine Botschaft übermittelt, festlegt, in welcher Reihenfolge und in welchem Zeitraum der Zuschauer, Hörer oder Leser diese nachzuvollziehen hat. Wir, die wir im Museum ja auch eine Botschaft zu übermitteln suchen, sehen uns in die unbequeme Lage versetzt, unserem Adressaten nicht vorschreiben zu können, unseren Intentionen zu folgen. Diese Tatsache wird nur allzu gern verdrängt; zu erkennen an den unzweifelhaft informativen aber langweiligen Lesemuseen, oder, um das andere Extrem zu nennen, an den Museen, die meinen, ihren Besuchern nun gar keine intellektuelle Anstrengung zumuten zu dürfen, und die sich mit aktionistischen Experimenten abmühen, die sich für die Museumsleute letzten Endes als unbefriedigend erweisen. Die Befriedigung kultureller Bedürfnisse erfolgt in erster Linie über die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen. Stellen wir uns also den für das Museum daraus folgenden Konsequenzen. Der interessierte Museumsbesucher erwartet im Museum einen geistigen Genuß. Also darf das Museum den Besucher hier auch fordern. Jedoch bleibt zu bedenken, daß dies mit den dem Museum eigenen Mitteln geschieht. Der auf optische Wirkungen eingestellte Besucher wünscht vor allem Gegenständliches vorzufinden, wobei er sich selbst das heraussuchen wird, was sein größtes Interesse findet. Amerikanische Untersuchungen zu Beginn der 70er Jahre hatten versucht herauszufinden, was bei ihren Besuchern das meiste Interesse fand. Anhand der vorgenommenen Messungen war man zu interessanten Daten über die am häufigsten benutzten Wege und über die Verweildauer vor bestimmten Gegenständen gelangt, die sich keineswegs mit den Absichten der Museumsleute deckten. Einen weiteren für die Ausstellungskonzeption entscheidenden Gesichtspunkt erhellte eine von mir im Rahmen meiner Dissertation vorgenommene Untersuchung über die Dauer eines Museumsbesuches. Sie erbrachte das statistisch relevante Ergebnis, daß die Mehrheit der Museumsbesucher sich zwischen ein und zwei Stunden in Museen aufhält, und das unabhängig von Alter und Bildungsgrad einerseits und Größe und Ausstellungsumfang des Museums andererseits. Wieweit fließen diese Erkenntnisse in die gegenwärtige Gestaltung musealer Ausstellungen ein? Wichtig erscheint mir, daß der Museologe seine Ausstellung als ein Angebot an den Besucher versteht. Dieser methodologische Ansatz kann hilfreich sein, die sich aus der inhaltlichen Zielstellung ergebenden Probleme, insbesondere was die Eingrenzung des Stoffes betrifft, im Hinblick auf den Besucher so effektiv wie möglich zu lösen. Mit dem Überbetonen inhaltlicher Fragen besteht die Gefahr, daß die Informationen den Besucher rein zufällig erreichen. In unserer Ausstellung wurde deshalb versucht, die einzelnen Räume inhaltlich relativ geschlossen zu gestalten, auch wenn zeitliche Überschneidungen damit in Kauf genommen werden mußten. Innerhalb des so entstandenen Informationssystems wurden wiederum kleinere Gruppen gestaltet, die sich mit Einzelfragen beschäftigen. Bewußt wurde davon ausgegangen, daß der Besucher sich zuerst den optisch wirkungsvollen Ausstellungsstücken zuwenden wird. Dementsprechend wurden die Texte so eingesetzt, daß sie die aus der Betrachtung der Gegenstände erwachsenden unterschiedlichen Informationsbedürfnisse auch auf unterschiedlichem Niveau befriedigen konnten. So findet der Besucher zunächst die Bildunterschrift, wo von uns für sinnvoll erachtet, mit sparsamen Erläuterungen versehen. Er hat weiter die Möglichkeit, anhand eines etwas umfangreicheren Textes Genaueres über den im engeren Umfeld dargestellten Themenkreis zu erfahren, und er kann dann einen Text lesen, der das in jedem einzelnen Raum behandelte Thema zusammenfaßt. Die Absicht ist, dem Besucher die Möglichkeit zu geben, von konkreten zu allgemeinen Erkenntnissen zu gelangen, ohne seine geistige Bereitschaft dazu zu überfordern und damit seiner eigenen Aktivität Zwänge aufzuerlegen. Das Problem der Gegenständlichkeit ist für alle, die sich mit der thematischen Gestaltung historischer Prozesse beschäftigen, ein immer wiederkehrender Gegenstand der Diskussion. Gerade das Theater entzieht sich auf den ersten Blick so gänzlich den Formen musealer Darstellung. Das Theater bedarf stets des lebendigen Menschen, des gesprochenen Dichterwortes und der Bewegung. Es entzieht sich somit den eher statischen Mitteln der Ausstellung. Das Theater als Ausstellung wird deshalb immer nur der Reflex des eigentlichen Ereignisses sein können. In der Regel enthält eine theaterhistorische Ausstellung die bildliche, schriftliche, im günstigsten Falle mit einigen Requisiten oder persönlichen Reliquien belegbare Dokumentation des der Vergangenheit angehörenden Theaters. Dem ist nicht zu widersprechen. Bildet doch die Sammlung, Bewahrung, Dokumentation und wissenschaftliche Aufarbeitung der gegenständlichen Zeugnisse des lebendigen Theaters die Substanz unserer Arbeit und weist die Fachdisziplin im Bereich des Museums vornehmlich als historisch ausgerichtet aus. Dennoch bleibt hier einiges offen. Theater ist eine Kunstgattung mit eigenen ästhetischen Gesetzen, an denen sich der Theaterhistoriker bei der Gestaltung seiner Ausstellungen nicht vorbeimogeln darf. Ein Mangel an historischem Stilgefühl ist immer wieder gerade in sich als Dokumentation verstehenden Theaterausstellungen zu beobachten. Die Gründe scheinen mir neben anderen in der Ausbildung der Theaterwissenschaftler zu liegen. Die Behandlung ästhetischer Fragen erfolgt im besten Falle in Verbindung mit Textuntersuchungen. Die für das Theater gleichermaßen bedeutsamen Teilbereiche bildende Kunst und Architektur werden in der Ausbildung weitgehend ausgeklammert. So kann es nicht Wunder nehmen, daß sich auf den hier eindeutig dem Theater zuzurechnenden Gebieten andere Disziplinen tummeln. Der Bühnenbildern, Kostümdarstellungen und Architekturentwürfen für Theater innewohnende theaterhistorische Aspekt spielt in diesem Kreis aufgrund seiner anders gearteten Interessenlage eher eine beiläufige Rolle. Ich spreche mich hier nachdrücklich für die Einbeziehung dieses optisch wirkungsvollen Materials in theaterhistorische Ausstellungen aus, denn Künstlerporträts, Kostüm- und Bühnenbilder und Theatermodelle, aber auch die künstlerisch freien Darstellungen von Schauspielern, Sängern und Theaterszenen haben neben ihrem Dokumentationswert einen hohen emotionalen Wert infolge der ihnen innewohnenden ästhetischen Qualitäten, die, mit Verständnis zur Geltung gebracht, dem heutigen Betrachter etwas von der Atmosphäre der Theaterkunst vergangener Epochen mitzuteilen vermögen, die kein Text übermitteln kann. Solche Experimente sind für die Beteiligten besonders spannungsvoll. Für die genannte Ausstellung veranlaßte uns die über Strecken unzureichende eigene Materiallage im Interesse der Einhaltung der einmal eingeschlagenen Konzeption zu Mitteln zu greifen, die von Kollegen zumindest als problematisch angesehen werden. So haben wir Bühnenbildentwürfe nachzeichnen und Bühnenbildmodelle nachbauen lassen. Wir haben um der ästhetischen Wirkung willen schlechte Originalfotos in einem vereinheitlichenden Stil reproduzieren lassen. Der ästhetischen Wirkung diente auch die Verwendung einheitlicher Gestaltungselemente bei Vitrinen und bestimmten Bildträgern, während in den vier Ausstellungsabschnitten dem behandelten Themenkomplex entsprechend durch vorsichtige Adaption zeitgenössischer Stilelemente in Farbgebung, Rahmung, Schnitt der Gardinen, Lampen, Materialcharakter der ausgestellten Dokumente und Bilder der Zeitcharakter der jeweils dargestellten Epoche betont wurde. Zu unserem Bedauern hat zu dieser Seite der Ausstellung die öffentliche Kritik keine Stellung genommen. Von den Museumsbesuchern scheint jedoch gerade die gestalterische Lösung unserer Ausstellung als angenehm und überraschend, weil nicht erwartet, angenommen zu werden. Wir beobachten, daß eine relativ große Zahl der Einzelbesucher -junge Menschen wie Erwachsene unterschiedlichen Alters - sich angeregt fühlt, länger vor den einzelnen Vitrinen zu verweilen. Damit dürfen wir davon ausgehen, daß auch die Texte gelesen werden. Sollte es gelungen sein, durch die Art der Präsentation das Interesse für ein so komplexes wie kompliziertes Thema, wie es die dargestellten 200 Jahre Berliner Theatergeschichte sind, geweckt zu haben, daß die Besucher von selbst das Bedürfnis nach Information entwickeln, so haben wir unsere Aufgabe erfüllt. Ein die Ausstellung zusammenfassendes Begleitheft mit Abbildungen gibt weiterhin die Möglichkeit, das Gesehene zu vertiefen. URL:
http://www.theatrelibrary.org/sibmas/congresses/sibmas88/mannheim1988_14.html
Information about this site: Maria Teresa Iovinelli, Secretary General Last updated: August 31, 2004 |
Executive
Committee Institutional Members Joining SIBMAS International Directory National Collections Research Sites |