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"Dem Weinkenner die Etiketten zeigen"?Ausstellungstätigkeit und museumspädagogische Arbeit im TheatermuseumWinrich Meiszies (Düsseldorf) Theatersammlungen und Öffentlichkeit / Les Collections Théâtrales et le Public / Theatre Collections and the Public 17. Internationaler SIBMAS-Kongreß / 17ème Congrès International de la SIBMAS / 17th International SIBMAS Congress, 1.-9. September 1988, Mannheim Bericht / Actes / Documentation. Red.: Liselotte Homering. Mannheim : Städtisches Reiß-Museum, 1990. pp. 111-114 Abstract: "To Show the Labels to the Connoisseur"? In comparison with the usual types of museums the West German theatre museums show a lot of deficits. This becomes most obvious in the field of exhibition-activities. Although there is an intense discussion on the educational function of the museum in West Germany, the theatre museums do not participate in it. The lack of reflection on the means of (theatre-)exhibitions costs a lot of public interest. In common understanding the theatre-performance as the "piece of art" cannot be shown in the museum because of its "transitoric" character. The strong emotional fascination of the theatre however impresses on the expectations of the visitors of the theatre museum and should be measure and challenge for making an exhibition. Even the remodelling or the removal of several of the West German theatre museums has not provoked the urgent discussion on the theatre-exhibition as a "spatio-temporal artform". The "Dumont-Lindemann-Archiv" (Düsseldorf) has inaugurated a special exhibition-service for schools. A catalogue shows groups of objects (chosen in close co-operation with a teacher), which can be "ordered" for a lesson in the theatre museum. This must be regarded as one of the promising ways, not only "to show the labels to the connoisseur". Auf die Schwierigkeiten von "Theatermuseen", einen Platz im "öffentlichen Bewußtsein" zu finden, habe ich zuletzt im Frühjahr 1987 in der Berliner TheaterZeitSchrift (Heft 19, S. 102-111) hingewiesen. Um so notwendiger erscheint es mir, den bestehenden Theatersammlungen und "Theatermuseen" den Weg in die Öffentlichkeit durch die Effektivierung der Ausstellungstätigkeit und der museumspädagogischen Arbeit zu weisen. Die Naivität der Überlegungen, die Ausdruck der konkurrenzbetonten und kommunikationslosen Situation der bundesdeutschen "Theatermuseen" ist, mag verblüffen, verschreckt aber hoffentlich nicht mögliche Dialogpartner, die der Verfasser auf diesem Wege dringend sucht. Die Wirkungsweise von Theaterausstellungen beschrieb ein findiger Journalist: "Als ob man dem Weinkenner die Etiketten zeigen würde." Selbstverständlich wirkt sich die mediale Besonderheit als transitorisches Medium auch im "Theatermuseum" aus. Im Gegensatz zu den "Kunst"museen, wo Gemälde, Plastiken, Objekte selbst als Kunstwerke Gegenstand der unmittelbaren Anschauung für den Besucher sind, läßt sich das "Theaterkunstwerk" nur vermittelt ausstellen. Die häufig geübte Praxis der "Theatermuseen", Werkschauen von Bühnen-, Kostümbildnern oder Theaterfotografen zu zeigen, entspringt einerseits dem Bedürfnis, sich der Praxis der Kunstmuseen anzunähern. Andererseits sichern die einfache technische Handhabbarkeit von Bühnenbild- und Kostümentwürfen, Bühnenmodellen und Szenenfotos und ihre Bewertung als bildnerische Kunstwerke ihnen stete Verwendung im Ausstellungsbetrieb. Sie muß aber für den Kunst- wie den Theaterwissenschaftler unbefriedigend bleiben, da die rein ästhetischen Qualitäten der Objekte oft durch technische Notwendigkeiten des theatralischen Arbeitsprozesses beeinträchtigt werden, dagegen für die anschauliche Dokumentation des Prozesses nicht ausreichend sind. So erzählen diese Ausstellungen dem Besucher mehr von der Eitelkeit des "Kunsthandwerkers", der mit dem bildenden Künstler aufeiner Stufe stehen möchte, als von derArbeit an der Inszenierung und ihrer räumlichen Konzeption. Zweifellos können die "Etiketten" nicht den "Weingenuß" ersetzen, ebensowenig wie Theaterausstellungen den Besuch des Theaters, aber sie können den Theaterbesucher und Theaterinteressierten auf eine höhere Stufe der Erkenntnis von Bedingungen und Prozessen der Theaterarbeit und von seiner eigenen Rolle als Zuschauer versetzen. Das fertige "Theaterprodukt", das sich dem Zuschauer als zeitlich begrenztes Theatererlebnis präsentiert, läßt sich selbst mit den hochentwickelten technischen Medien der Gegenwart nur annähernd reproduzieren. Die entscheidenden medialen Spezifika wie die reale räumliche Existenz der Zeichen und die unmittelbar gegenwärtige Rezeption des Publikums lassen sich weder durch das Zeichensystem der technischen Medien noch durch museale Zeichen und "Medien" einholen. Je mehr das Bild vom Weinkenner und den Etiketten die Wirkungsmöglichkeiten der "Theatermuseen" überhaupt zu beschneiden scheint, um so zutreffender ist es für die augenblickliche Ausstellungspraxis. Angesichts lieblos gerahmter und gehängter "Flachware", die noch mit geringstem Personal- und Finanzaufwand zu "Ausstellungen" zusammengefügt werden kann, fragt sich der Besucher zu Recht, ob er hier noch sein Theatererlebnis einholen oder Erkenntnisse über Theater erhalten kann. Der starke emotionale Reiz des Theaters prägt die Erwartungshaltung des "Theatermuseumsbesuchers" und sollte Maßstab und Herausforderung für die Ausstellungsgestaltung sein. Längst hat sich in der Museumspädagogik der herkömmlichen Museen der Begriff der "Inszenierung" für die Gestaltung und technische Aufbereitung von Ausstellungen durchgesetzt. Nicht selten werden Bühnenbildner als Ausstellungsarchitekten herangezogen. Im "Theatermuseum" und in Theaterausstellungen herrscht weitgehend noch der Inszenierungsstil "Immer an der Wand entlang" vor (beachtenswerte Ausnahmen von dieser Regel seien damit nicht bestritten). Dennoch brauchte die museale Reproduktion des Theaters nicht an Intensität hinter der theatralischen Aufführung zurückzustehen - sie ist nur von anderer Qualität. Das "Theatermuseum" kann und muß auch nicht selbst Theater sein. So reizvoll das Beispiel etwa des Kopenhagener Theatermuseums ist, es zeigt das Theater im historisch begrenzten Spektrum des 19. Jahrhunderts. Auch A. M. Draks (Staatl. Ukrainisches Museum für Theater, Musik und Film) Aussage: "Our museum is itself a theatre"1 bezieht sich bei näherer Betrachtung doch nur auf die abstrakte "Inszenierung" der Ausstellungsobjekte mit Hilfe von der Theatertechnik entlehnten Präsentationstechniken. Dennoch stünde die Erkenntnis von der musealen Ausstellung als raum-zeitlicher Kunstform2 den bundesdeutschen "Theatermuseen" gut an. Die Intensivierung der Ausstellungstätigkeit - im Sinne von Planung und Gestaltung von Ausstellungen - hat jedoch ihre Grenzen in der personellen wie der räumlichen Struktur der bestehenden Einrichtungen. Der geringe Personalbestand wie auch der Stand der Ausbildung haben eine Spezialisierung auf Ausstellungsfragen verhindert. Hinzu kommt, daß keines der bereits tätigen "Theatermuseen" für diese Zwecke konzipiert worden ist. Ausstellungstechnik kann unter solchen Bedingungen nur ein Kompromiß zwischen Ausstellungskonzeption und architektonischer Struktur sein. Die gescheiterten Neubaupläne des Kölner Theatermuseums haben die Entwicklung von Problembewußtsein und -lösungen weit zurückgeworfen. Umbauten bestehender Einrichtungen oder Umzüge in beste hende Gebäude, die im Gange sind, werfen das Problem erneut auf, ohne daß systematische und gemeinschaftliche Überlegungen in diesem Bereich bekannt würden. Während sich innerhalb und im Umkreis der herkömmlichen, kunst- und kulturgeschichtlichen, naturwissenschaftlichen und volkskundlichen, Museen ein verstärktes Bewußtsein von der Bildungsaufgabe des Museums und von der Notwendigkeit museums-pädagogischer Maßnahmen und Aktivitäten artikuliert, während sich die "Theaterpädagogen" zur gegenseitigen Qualifizierung der Arbeit am Theater zusammenschließen, ist die Entwicklung einer Theatermuseumspädagogik noch eine kühne Forderung. Obwohl unter "Museumspädagogik" nicht allein die Arbeit mit Einzelbesuchern im Kindes- oder Jugendalter oder auch Schülergruppen verstanden werden sollte, sondern das Museum und seine Aktivitäten als potentielle Bildungsmittel für alle Besucher aufgefaßt werden sollte, sei in diesem Zusammenhang auf ein Projekt aufmerksam gemacht, das einen besonderen Ausstellungsservice des Düsseldorfer Dumont-Lindemann-Archivs für Schüler der Sekundarstufe I und II zum Gegenstand hat. Die Einbindung des Düsseldorfer Theatermuseums in die lokale Kulturpolitik und die Begrenzung der Sammlungstätigkeit auf die lokale Theatergeschichte geben dem Haus einen festen Wirkungskreis, zu dem auch der "naturwüchsige" Kontakt mit den Schulen der Stadt und der näheren Umgebung gehört. Dieser Kontakt wurde bisher einseitig durch das Interesse einzelner Lehrer strukturiert, die Wünsche nach Bild-, Ton- und anderen Aufführungsdokumenten zur Begleitung des Literaturunterrichts äußerten. Die Bereitstellung solcher Materialien für immer neue Zusammenhänge war besonders arbeitsintensiv und deshalb nur unter großen Mühen zu realisieren. Die Schule blieb jedoch ein für das Theatermuseum interessanter Partner, da sie aufgrund ihrer organisatorischen und institutionellen Strukturen die Nachfrage nach Ausstellungen oder Objektgruppierungen gezielter und mit größerer Breitenwirkung formulieren kann als die Masse der Einzelbesucher. Die Entwicklungen innerhalb der Literaturdidaktik wie auch die Gestaltung der Richtlinien für den Literaturunterricht boten dem Theatermuseum neue Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit mit der Schule. Zwischen 1984 und 1987 konnte das Dumont-Lindemann-Archiv vier Folgen der museumspädagogischen Reihe Wege durch Düsseldorfer Literaturmuseen erarbeiten. In Form einer Loseblattsammlung stellen die drei "literarischen" Museen Düsseldorfs (Dumont-Lindemann-Archiv, Goethe-Museum und Heinrich-Heine-Institut) nach thematischen und didaktischen Vorgaben aus der Unterrichtspraxis Gruppen von Museumsobjekten vor, die für den Literaturunterricht der Sekundarstufe I und II zu einer Unterrichtsveranstaltung im Museum abgerufen werden können. Didaktische Hinweise mitarbeitender Lehrer; die dafür vom nordrhein-westfälischen Kultusminister für sechs Wochenstunden vom Unterricht freigestellt Werden, geben Auskunft über die Einsatz- und Kombinationsmöglichkeiten der Objekte für den Unterricht im Museum. In Abbildungen und museologischen Beschreibungen werden die Objekte von Museumsseite vorgestellt und fachlich erläutert. Für die Unterrichtsveranstaltung im Museum kann sich der Fachlehrer mit Hilfe der jeweiligen Folge selbst vorbereiten, er kann aber auch Museumspädagogen oder Fachwissenschaftler des Museums "bestellen". Die einmalige Auswahl und Zusammenstellung von Objekten erleichtern die Arbeit des Museums. Der themenbezogene Museumsbesuch von Schülern fördert die Wahrnehmung durch die Beschränkung auf einen thematisch begrenzten Ausschnitt aus den Sammlungsbeständen, durch die Möglichkeit, Unterrichtserfahrungen zu vertiefen oder auch anzuregen, und durch die Gelegenheit zum Austausch über die Objekte im (Unterrichts-)Gespräch. Die Tatsache, bei diesem Projekt unter die "Literaturmuseen" subsumiert worden zu sein, ist sicherlich symptomatisch für das fehlende Profil der bundesdeutschen "Theatermuseen". Aber nicht nur die Inhalte der vier Folgen Wege durch Düsseldorfer Literaturmuseen, die vom Dumont-Lindemann-Archiv gestaltet werden konnten (Das Faust-Drama aufder Bühne. Normenbildung und Normendurchbrechung in Bühnen realisationen des 19. und 20. Jahrhunderts, 1984; Theater als Öffentlichkeit. Formen des Theaters im historischen Wandel. Teil I: 1585-1840, Teil II: 1875-1970, 1986; ,Der Schauspieler und die Macht'. Gustaf Gründgens und Wolfgang Langhoff - Biographie und literarische Gestaltung, 1987), unterscheiden sich von denen der beiden anderen beteiligten Institute - sondern auch die Arbeitsbedingungen. Während an den beiden anderen Häusern museumspädagogisch ausgebildetes Personal vorhanden ist, mußte die Arbeit im Dumont-Lindemann-Archiv nebenbei und ohne eine notwendige, breite, theoretische Grundlage betrieben werden. Um ein Mindestmaß an Arbeitsökonomie zu gewährleisten, orientieren sich die Themen an stattgefundenen Ausstellungsprojekten (sie sind also nicht einmal Begleitung der Ausstellungstätigkeit, sondern bestenfalls Nachbereitung). Die grundsätzliche Schwierigkeit, theaterhistorische Dokumente in den Literaturunterricht einzubringen, wurde verschärft durch die Struktur der lokal ausgerichteten Bestände. Daß die lokale Theatergeschichte in anderen Zyklen verläuft als die allgemeine Literaturgeschichte, erweist sich als starke Hemmschwelle für die Nutzung. So anregend das Material durch seine teilweise Fremdartigkeit für Schüler sein mag, für den Lehrer bedeutet die Arbeit mit den vorgestellten theaterhistorischen Dokumenten zusätzliche Einarbeitung. Praktische Erfahrungen mit dem Projekt sind deshalb (und aus verschiedenen anderen organisatorischen Gründen) noch recht spärlich. Voraussetzungen für die Anwendung sind die ständige Präsenz der Objekte (bzw. von Replikaten), die technische Einrichtung zum schnellen Auf- und Abbau und ein nur zu diesen Zwecken nutzbarer Raum, der Platz bietet für die Präsentation der durchschnittlich 30 Objekte. Dabei können die Präsentationsformen durchaus noch unterschiedlich sein. Kleingruppen mit bis zu 20 Schülern kann das Material noch in Form einer herkömmlichen Ausstellungsführung zugänglich gemacht werden. Hier sind auch selbständige Arbeitsphasen möglich. Aber schon die Großgruppe von 50 Schülern erlaubt nur noch eine frontale Präsentation vergrößerter Reproduktionen. Für die Darbietung von audiovisuellen Objekten ist die längst noch nicht selbstverständliche Wiedergabetechnik Voraussetzung. Das "Theatermuseum" muß sich nicht zwangsläufig an einen exklusiven Kreis von "Kennern" wenden, die mit Hilfe von Ausstellungsobjekten vergangene Theatererlebnisse "nachkosten". Versteht sich das "Theatermuseum" gleichermaßen als Bildungs- wie als Erlebnis-"Raum", kann es mit dazu beitragen, die Erkenntnis über Theater zu fördern, und damit einer pädagogischen Aufgabe im Dienste von Theater und Kultur gerecht werden. Anmerkungen 1 Draks, A. M.: "Our museum is itself a Theatre" In: museum. Genf. 1985. Heft 147. S. 163 ff.(back) 2 Draks, a.a.0., S. 164.(back) URL:
http://www.theatrelibrary.org/sibmas/congresses/sibmas88/mannheim1988_16.html
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