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Theatersammlungen - Bildungsstätten für das Theaterpublikum?Dagmar Lohmann (Siegen) Theatersammlungen und Öffentlichkeit / Les Collections Théâtrales et le Public / Theatre Collections and the Public 17. Internationaler SIBMAS-Kongreß / 17ème Congrès International de la SIBMAS / 17th International SIBMAS Congress, 1.-9. September 1988, Mannheim Bericht / Actes / Documentation. Red.: Liselotte Homering. Mannheim : Städtisches Reiß-Museum, 1990. pp. 140-143 Abstract: Theatre Collections - Educational Institutions for the Theatre Public?Since the 1970s there has been an increasing number of exhibitions on interdisciplinary themes and on theatre history. For this reason it seems appropriate to give some thought to the question of the didactics of theatre collections, even if up to now there have been only a few theatre collections with facilities for public exhibitions. Any pedagogical theory proposed for such a collection must take the items in the collection as its starting point. All items are associated with the theatre, in particular with the transitory nature of theatre events, i.e. they are bound to a function and are typically fragmentary. Thus the items collected have been torn out of their historical context. When exhibited, however, whether permanently or for a limited period, they have to be meaningfully presented in a new context. It is only then that the recipient can be prompted to concern himself with the history of the theatre and consequently with cultural history, and thus to develop a productive attitude towards his own historical epoch. In order to establish a meaningful context, such a conception must first and foremost attempt to relate to current theatre practice, thus giving the museum visitor guidelines for the reception of the theatre performance. This applies on the one hand to the theatregoer interested in further information, but on the other hand perhaps it is important to attract specifically the non-theatregoer and to inspire him to a practical theatre involvement. Die traditionelle Kunstsammlung als Bildungsstätte läßt sich von einem Wissenschaftsgebiet her, nämlich der Museumspädagogik und -didaktik erfassen und systematisch erforschen. Ganz anders der Typus der Theatersammlung! Bisher gibt es keine stringente methodische Beschäftigung mit dem Thema "Theatersammlung" - sei es als Bildungsstätte, sei es in ihrer bisherigen Funktion als Forschungs- und Dokumentationsstätte.1 So kann dieses kurze Referat nur verstanden werden als Bestandsaufnahme verschiedener Fragestellungen, die sich bei der Auseinandersetzung mit dem Thema herauskristallisierten. Theatersammlungen in der Bundesrepublik Deutschland - das sind häufig Sammlungen, die an universitäre Einrichtungen gebunden sind, etwa literatur- oder theaterwissenschaftliche Institute, und somit überwiegend der Forschung und Lehre zur Verfügung stehen. Nur wenige dieser Institutionen besitzen Schauräume, die der Öffentlichkeit zugänglich sind.2 Pointiert ausgedrückt: Theatersammlungen in der Bundesrepublik Deutschland schlafen noch einen Dornröschen-Schlaf, da sie dem größten Teil der Öffentlichkeit, auch der sogenannten "gebildeten" Öffentlichkeit, unbekannt zu sein scheinen. Eine Beschäftigung mit dem Thema "Theatersammlungen als Bildungsstätte für das Theaterpublikum" mutet daher zunächst spekulativ an. Dennoch - Überlegungen zu einer Theatersammlung als Bildungsstätte, zunächst generell, scheinen durchaus angebracht, wenn man die Tendenzen im Ausstellungswesen der letzten zehn Jahre betrachtet. Zunehmend zeigt sich eine Entwicklung zu interdisziplinär übergreifenden,3 aber auch rein theaterhistorischen Ausstellungen.4 Theatermuseen können folglich "als eine im Entstehen begriffene Institutionenart behandelt werden".5 Von dieser Perspektive aus, nämlich dem Wunsch nach Öffnung und Präsentation der Bestände, sind Überlegungen zu einer Museumspädagogik für Theatersammlungen gerechtfertigt. Daß Theatermuseen keine Tradition haben, läßt Raum für eine neue didaktische Konzeption, die das Charakteristische der Theatersammlung zur Geltung bringt. Die bisherigen Ergebnisse der Museologie sind hier nicht ohne weiteres übertragbar, weil der Vermittlungsgegenstand der Theatersammlung ein spezifisch anderer ist als der des traditionellen Kunstmuseums. Zentraler Sammlungsgegenstand der Theatersammlungen sind Objekte, die auf das Theater bezogen sind - insbesondere auf das Theaterereignis, also die Aufführung selbst. In ihrem Wert sind diese ambivalent. Zum einen sind sie Kunstwerk, zum anderen funktionsgebunden an das Transitorische des Schau-Spiels, d.h. an das Flüchtige; dieser Prozeß ist nur Ereignis und Erinnerung - einmalig, unwiederholbar, nicht rekonstruierbar. Bei derselben Inszenierung gilt doch für jede weitere Aufführung diese Einzigartigkeit. Darin eben besteht die Problematik der Theaterwissenschaft. Trotz des nicht fixen Untersuchungsgegenstandes und seines Ereignischarakters bemüht sie sich um Methoden zur Erforschung von Theatererscheinungen in ihren viellältigen Formen. Die Sammlungen bieten dazu mit ihren Objekten als Zeugen vergangener Theaterepochen eine große Hilfestellung. Also kann eine Theatersammlung das "Theater" selbst nicht repräsentieren. Sie bietet nicht das Theaterkunstwerk, sondern Stückwerk, z.B. Figurinen, Buhnenbildentwürfe und vieles andere mehr. Sie kann auch nicht als traditionelle Kunstsammlung verstanden werden wie etwa eine Bildergalerie. Was kann sie dann überhaupt noch für die Öffentlichkeit zugänglich machen? Was kann sie sinnbringend und Orientierungshilfe gebend, also bildend für den einzelnen Besucher, ausstellen? Um dieses Problem zu lösen, sind die Merkmale der Sammlungsobjekte herauszustellen. Dabei handelt es sich um:
Diese Gliederung macht den Fragmentcharakter deutlich, besonders bei den Produktionsmitteln des theatralischen Kunstwerks (die unter b und c aufgeführt sind): "Die Gegenstände sind aus einem historischen Zusammenhang gerissen. Sie müssen nun hei erneuter Präsentation sowohl in der Schausammlung als auch in der Ausstellungsform in einen neuen sinnbringen den Kontext gestellt werden." Isoliert betrachtet, können einige der Ausstellungsstücke der Sammlungen zwar ästhetisch erfahrbar sein, aber ohne jegliche theaterhistorische Kenntnis wird der Rezipient eine Ausstellung nicht als Sinnzusammenhang und erst recht nicht als Hinweis auf ein sinnvolles Ereignis verstehen können. Es stellt sich kein Lerneffekt ein. Darin liegt der Gegensatz zu Kunstsammlungen. In ihnen kann der Betrachter von Kunstwerken auch ohne kunsthistorische Vorkenntnis "in einem Prozeß der Entzeitlichung des Kunstwerkes das herausarbeiten, was ihm selbst an diesem überzeitlich aufgefaßten Werke in sein Leben hinein überdauernd erscheint".6 In der Theaterausstellung wird diese Art von Bildungseffekt kaum möglich sein - vorausgesetzt, man versteht ihn hier als Prozeß des selbständigen Erschließens, Erfahrens und Gewinnens neuer Einsichten und Einstellungen. Der Fragmentcharakter der Objekte, ihre Funktionsgebundenheit an den Inszenierungsprozeß verhindert das eigentliche ästhetische Erlebnis des intendierten Ganzen einer Ausstellung. Dieses stellt sich aber ein z. B. bei einem gemalten, in sich geschlossenen Kunstwerk oder bei einer Plastik, dem Werk eines Bildhauers. Will man dagegen im Falle der Theatersammlung dem Ideal näherkommen, der Öffentlichkeit Bildungserlebnisse zu vermitteln, so müssen daraus jeweils Schausammlungen hervorgehen. Diese sind jedesmal unter einen zusammenfassenden Gesichtspunkt zu rücken. Eine Möglichkeit wäre die Organisation nach dem Prinzip der Chronologie, ergänzt durch eine kontinuierliche Praxis von Wechselausstellungen, welche die feste Sammlung thematisch erhellen. Denkbar wären:
Als Ergebnis der bisherigen Überlegungen wird festgehalten: Die Schausammlung soll für das betrachtende und erlebende Subjekt öffentlich werden. Wir müssen im folgenden aber auch das Theater selbst berücksichtigen, das Objekt nämlich, dem die Gegenstände der Sammlung zugeordnet sind. In jeder Ausstellung und in jedweder Sehausammlung - sei das Thema historisch, sei es theaterimmanent oder interdisziplinär - müssen Orientierungshilfen für die aktuelle Theaterpraxis vermittelt werden und folglich den Museumsbesucher zur aktiven Rezeption von Theaterauftührungen selbst auffordern. Als Beispiel soll hier die Ausstellung Die Maler und das Theater im 20. Jahrhundert in Frankfurt 1986 genannt werden. Darin wurde sehr gut durch die Präsentation verschiedenster Exponate, wie Bühnenbildmodellen und -skizzen, Figurinen und Teilen von Bühnenbildern, ein wesentlicher historischer Vorgang deutlich, nämlich das Bewußtwerden der Autonomie des Theaterbegriffs, die Herausbildung dramaturgischen Denkens, die Entwicklung der Regie und des Bühnenraums. Wichtige Voraussetzungen gegenwärtiger Inszenierungspraxis wurden dergestalt der Öffentlichkeit bewußt gemacht. Das Spezifische des Sammlungsgegenstandes legt es nahe, daß als Besucherkreis einer solchen Theatersammlung nur das interessierte Theaterpublikum in Betracht kommt. Hier vermutet man eher ein Zielpublikum, das durch seine Erfahrungen mit der Theaterpraxis bereit ist, diese durch zusätzliche Informationen zu ergänzen und zu vertiefen. Aber ist nicht auch der umgekehrte Weg denkbar: nämlich der Versuch, bisher uninteressierte Kreise der Öffentlichkeit zum Theaterbesuch anzuregen? Dies müßte geschehen über eine Ausstellung oder Schausammlung, die im Sinne des bisherigen Gedankenganges für den Besucher zum Erlebnis gemacht wird - etwa durch die Nachbildung von Bühnenräumen oder durch die Aufstellung von beweglichen Bühnenbildmodellen.7 Dem Wesen nach ist das Theater in seinem Ursprung kultisch-rituell. Daraus kann man folgern, welche Möglichkeiten sich einer solchen öffentlichen Sammlung bieten. Es gilt, den Menschen nicht nur als "Theaterbesucher" zu "bilden", ihm Orientierungshilfen für die Theaterrezeption an die Hand zu geben. Es gilt vielmehr, ihm darin auch das große Unternehmen menschlicher Geschichte und Kultur verstehbar zu machen. Verständlich machen von Theatergeschichte heißt auch Verständlich machen eines Stücks Kultur und eines Stücks eigener Geschichte. Das Museum sollte hier an Erfahrungen anknüpfen, die der Nichttheaterbesucher mit theatralischen Formen sowie Elementen derselben im eigenen Alltag gemacht hat. Die Theatersammlung und ihre Schausammlung kann als Bildungsstätte dienlich sein, und zwar für das Theaterpublikum, sollte sich aber darin nicht erschöpfen. Denn sie hat der Theateraufführung als einem geschlossenen Kunstwerk gerade etwas voraus. Entweder fordert sie ein breiteres Publikum dazu heraus, sich mit dem kulturellen und geschichtlichen Kontext des Theaterstücks zu befassen und nicht nur: es zu erleben. Oder sie bleibt eine Reihe toter Requisitenkammern. Gelingt aber diese Herausforderung, so strebt der Besucher von selbst aus dem Museum ins Theater. Denn erleben will er nun erst recht. Die Theatersammlung könnte folglich nicht nur wie bisher der Theaterwissenschaft nützen, sondern auch der Theaterpraxis - und zwar durch einen eigenen Beitrag zur Popularisierung. Anmerkungen 1 Einzige Ausnahme ist die innovative Untersuchung von Buhlan, H.: Theatersammlung und Öffentlichkeit. Vorüberlegungen für ein Konzept von "Theatermuseum". Frankfurt a. Main, 1983. (back) 2 Ausnahmen sind das Dumont-Lindemann-Archiv in Düsseldorf, das Theatermuseum Hannover und das Deutsche Theatermuseum in München, dem eigene Räumlichkeiten, allerdings z.Zt. noch nur für wechselnde Sonderausstellungen, zur Verfügung stehen. [Zum Thema der verhältnismäßig heterogenen Anbindungsformen von Tbeatersammlungen an bestimmte Institutionen vgl. das Vorwort zu: Tbeatersammlungen in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West). (= Kleine Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte, Bd. 33.) Berlin, 1985. Anm. d. Red.].(back 3 Z.B. Tendenzen der Zwanziger Jahre. Berlin, 1977, Der Hang zum Gesamtkunstwerk. Zürich, 1983; Die Maler und das Theater im 20. Jahrhundert. Frankfurt a. Main, 1986. (back) 4 Z.B. lief in Köln eine Theaterausstellung des Theatermuseums der Universität zu Köln - ein Ausstellungszyklus mit dem Titel Vom Himmel durch die Welt zur Hölle. (back) 5 Vgl.. Buhlan, a.a.O., S.17. (back) 6 Ladendorf H.: "Das Museum - Geschichte, Aufgaben, Probleme". In: Museologie. Bericht über ein internationales Symposium, veranstaltet vom Deutschen Nationalkomitee des Internationalen Museumsrates (ICOM) in Zusammenarbeit mit der Deutschen UNESCO-Kommission vom 8. bis 13. März 1971 in München. (=Seminarbericht der Deutschen UNESCO-Kommission, Nr.18.) Köln/Pullach b. München, 1973. S.14-28, S.22. (back) 7 In der Ausstellung Theater - Spiege1 der Welt des Theatermuseums der Universität zu Köln, 1984/85, in der Kölner Kunsthalle wurde z.B. versucht, Theaterräume als Erlehnisräume zu präsentieren, indem man den Besucher durch nachgebaute historische Bühnenräume wandern ließ. ((back) URL:
http://www.theatrelibrary.org/sibmas/congresses/sibmas88/mannheim1988_23.html
Information about this site: Maria Teresa Iovinelli, Secretary General Last updated: August 31, 2004 |
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