International Association of Libraries and Museums of the Performing Arts

Société Internationale des Bibliothèques et des Musées des Arts du Spectacle

sibmas.gif (4337 byte)

Das Theatermuseum von Novosibirsk in seiner Beziehung zu Wissenschaft und Forschung

Valerij Romm (Novosibirsk)


Theatersammlungen und Öffentlichkeit / Les Collections Théâtrales et le Public / Theatre Collections and the Public

17. Internationaler SIBMAS-Kongreß / 17ème Congrès International de la SIBMAS / 17th International SIBMAS Congress, 1.-9. September 1988, Mannheim

Bericht / Actes / Documentation. Red.: Liselotte Homering. Mannheim : Städtisches Reiß-Museum, 1990. pp. 167-172


Der folgende Beitrag wurde den Veranstaltern für den Workshop "Theatersammlungen in ihrer Beziehung zu Wissenschaft und Forschung" in russischer Sprache eingesandt. Kollegen aus Novosibirsk haben an dem Kongreß nicht teilgenommen. Dennoch hielten wir den Artikel für informativ genug, ihn an dieser Stelle in deutscher Übersetzung abzudrucken.
(This paper was sent in to the organizers in the Russian language, but not delivered at the congress. It is, however, informative enough to be printed here in its German translation.)


Abstract:
The Theatre Museum of Novosibirsk and its Relationship to Scientific Research

The essay illustrates in detail the work of the Theatre Museum in Novosibirsk, which was founded in 1972, in the field of the research of Siberian theatre history. Some essentially incorrect elements (even in the Soviet Encyclopaedia of Music and Theatre) had to be revised on the basis of the results of the research. This applies in particular to the so far incorrectly given foundation date of the Novosibirsk Opera, which has always been stated to be 1945, thus exclusively referring to the opening of the gigantic new building (projected by M.I. Kurilko and T.Ja. Bardt). The Novosibirsk Theatre Museum, however, has succeeded in proving that from as early as 1922 the great operas from East and West had been performed on a relatively small stage in a reconstructed building in the new town.

Also regarding the development of professional ballet, the Museum was able to produce new information which had not formerly been known in Soviet specialist literature.

The new building of the Novosibirsk Opera, which was opened in 1945, had for a long time been considered an architectural wonder. As a result of the Second World War, however, the stage-technology could not be set up as originally planned. This house is now the main object of the current research activities of the Novosibirsk Theatre Museum, which, incidentally, is the only institution of this kind in Siberia and in the Far East.


Das Theatermuseum der Union der novosibirischen Organisation der Theaterfunktionäre der RSFSR [= Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik] ist die einzige derartige Sammlung im weiten Gebiet Sibiriens und des Fernen Ostens. 1972 wurde das Museum auf Anregung der Volkskünstlerin Anastasija Vasilevna Garsinaja von der Theaterliebhaberin Elena Veniaminovna Sarova gegründet.

Heute bewahrt das Museum mehr als 12,000 Objekte und Exponate (Skizzen, Bilder, Entwürfe, Fotografien, Dokumente, Autographen, Erinnerungsstücke usw.). Die ständigen sowie die wechselnden Ausstellungen des Museums und seiner Zweigstelle spiegeln sowohl die Geschichte als auch das heutige Leben der sechs Theater von Novosibirsk wider.

Die Mitarbeiter unserer Institution pflegen aktiven Kontakt zu Wissenschaftlern des historischen, philologischen und philosophischen Instituts der sibirischen Abteilung der ANSSR [= Akademie der Wissenschaft der sozialistischen Sowjetrepubliken]. Der Personalbestand des Novosibirsker Museums ist nicht eben hoch (insgesamt nur zwei Angestellte). Dafür findet der Besucher zur Einführung eine große Anzahl wissenschaftlicher Abhandlungen in unserem Museum vor.

Die Mitarbeiter unseres Hauses haben Forschungsarbeiten zur Geschichte der Gründung der sibirischen Staatsoper durchgeführt. Eine Enzyklopädie über die Theater von Novosibirsk befindet sich in Vorbereitung. Ebenso wurden vom Novosibirsker Theatermuseum Bücher über die Volkskünstlerinnen L.I. Krupenizaja (aus der UdSSR) und L.V Gersunovaja (aus der RSFSR) herausgegeben. Mehr als 500 veröffentlichte Arbeiten in Zeitungen und Zeitschriften sowie eine Vielzahl von Radio- und Fernsehübertragungen zählen zu den Aktivitäten des Museums. Zur Zeit werden im Novosibirsker Buchverlag drei Publikationen zum Druck vorbereitet.

Novosibirsk ist eine junge Stadt. 1993 wird sie hundert Jahre alt. Doch ungeachtet dieser verhältnismäßig kurzen Existenz ist es der Millionenstadt immerhin gelungen, bestimmte Ereignisse, ja sogar ganze Zeitabschnitte ihres Lebens zu "vergessen". Hiervon ist besonders die Geschichte des Theaterlebens in dieser Stadt betroffen. Der Grund hierfür ist offenbar in der Tatsache zu suchen, daß die bedeutende sibirische Wissenschaft, die sich eher mit globalen Problemen beschäftigte, der Entstehung eines professionellen Theaters in Sibirien keine ernsthafte Aufmerksamkeit schenkte. So bildete sich die offizielle Ansicht, das Theaterleben von Novosibirsk habe sich nach dem für europäische Städte gewöhnlichen Schema gestaltet. Nachschlagewerke, Enzyklopädien, auch Reiseführer über Novosibirsk bestätigen, daß die ersten stehenden, professionellen Theater Schauspielhäuser waren, wobei man das Jahr 1930 hervorheben müsse, als das Teatr Junogo Eritelja [Theater des jungen Zuschauers] den Mittelpunkt bildete. Im Jahre 1932 ließ sich in der Stadt das dramatische Theater Krasnij Fakel [Rote Fackel] nieder. Ein Jahr später wurde das dramatische Kolchos- und Sovchostheater gegründet.

Der Norm nach habe das Musiktheater erst später entstehen können, so daß das offizielle Entstehungsjahr des Operntheaters Operedelili auf den 12. Mai 1945 festgesetzt werden konnte, als das neue Theatergebäude eröffnet wurde. Indessen werden in den Beständen des Theatermuseums von Novosibirsk Materialien über ehemalige Künstler aufbewahrt, in denen ein anderes Entstehungsdatum für das Novosibirsker Operntheater genannt wird, das immerhin gut zwanzig Jahre früher liegt. So wurden die Unterlagen im Theatermuseum zum ersten Anstoß, der zur Suche nach weiteren Dokumenten zwang. Unsere Nachforschungen zogen sich mehrere Jahre hin. Hierbei gelang es uns, einmalige Fotografien aus den zwanziger Jahren zu sammeln, noch lebende Mitwirkende der uns interessierenden Aufführungen zu befragen und Zeugnisse der sibirischen und der zentralen Presse ausfindig zu machen. Für unsere Nachforschungen zogen wir die Archivbestände des Staatlichen Archivs der RSFSR hinzu, die des Bachrusin-Theatermuseums in Moskau und des Staatlichen Archivs der Novosibirsker Region. Schließlich bearbeiteten wir mehr als 700 Dokumentenbände aus verschiedenen Archivbeständen. Von den Museumsmitarbeitern wurden etliche Artikel zu diesem Thema verfaßt. Der Novosibirsker Buchverlag wird hierzu unsere Publikation mit dem Titel Und die Musik ertöntet1 veröffentlichen, die die Zusammenfassung unserer Forschungsergebnisse enthält. Vorläufig ist es unser Bestreben, über die Ereignisse folgerichtig zu berichten, was eine spätere wissenschaftliche Analyse ermöglichen wird. In jedem Fall hoffen wir, daß das Buch dazu veranlaßt, einige stereotype Meinungen zu überprüfen.

Unter den sibirischen Verhältnissen vermag man mit ungewöhnlicher Klarheit die Beziehung der Revolution zu den Theaterproblemen zu verfolgen. Ende 1917 ging in ganz Sibirien die Macht in die Hände der Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten über. Jedoch bereits im Mai 1918 beseitigte ein Aufstand rechtsgerichteter Sozialrevolutionäre und getäuschter Soldaten des tschechoslowakischen Korps' die Sowjetmacht, ein Vorgang, der sich über ein Jahr erstreckte. Die Befreiung Sibiriens von der Koltschak-Armee und ausländischen Interventen zog sich von Mitte 1919 bis zum Jahr 1922 hin.

Wohl mag man annehmen, daß eine solche Zeit nicht für Theater geschaffen war - Bürgerkrieg, Interventionen, vollständige Zerstörung der Landwirtschaft, Epidemien. Doch betrachtete die revolutionäre Sowjetmacht den kulturellen Aufbau als eine ihrer wichtigsten Angelegenheiten. Bis zur Revolution besaß keine einzige Stadt des riesigen Sibirien ein ständiges und professionelles Musiktheater. Lediglich in zwei oder drei Städten existierten Schauspieltheater. Am 14. November 1919 erfolgte die Befreiung der Stadt Omsk, und bereits am 6. Dezember teilten die Zeitungen mit, daß sich dort die "Opernkräfte" zur Schaffung eines ersten mustergültigen Opernhauses versammelten. Am 1. November 1920 wurde das dortige Theater eröffnet. Außer dem Opernensemble arbeitete dort ein Schauspielensemble sowie ein Sinfonieorchester. Der Personalbestand dieses Theaters umfaßte 522 Menschen, eine gewaltige Zahl für jene Jahre und durchaus nicht wenig für heutige Verhältnisse.

In allen großen Städten Sibiriens kümmerte sich die Sowjetmacht gleich in den ersten Monaten ihrer Regierung um die Eröffnung von Theatern. Es sei nochmals daran erinnert, daß es sich hierbei nicht um die Wiederherstellung, sondern die Eröffnung neuer professioneller Theater handelte. In Städten wie Krasnojarsk, Tomsk und Barnaul wurden einige Theater eröffnet und Orchester gegründet. In Irkutsk waren schon vor dem Eintreffen der Roten Armee ein Opernensemble und drei Schauspielensembles gebildet worden. Im Januar befreite ein Aufstand der Arbeiter unter Mithilfe von Partisaneneinheiten die Stadt von den Koltschakleuten. Doch blieb Irkutsk auch weiterhin von den zurückweichenden weißgardistischen Kräften eingeschlossen. Erst am 5. Mai 1920 rückten Einheiten der Roten Armee in die Stadt vor und trieben die Offensive weiter in Richtung Osten. Die Theater in Irkutsk aber nahmen bereits im Februar des Jahres ihren Spielbetrieb auf.

Das Interesse an Musik war gewaltig. In ganz Rußland zählte man bis 1917 fünf Konservatorien. Bis ins Jahr 1920 waren in Sibirien ebenso viele Konservatorien entstanden. Drei von ihnen besaßen den Status von Musikhochschulen, und zwar die dreistufige Musikschule von Omsk, die Musikhochschule von Tomsk und die Universität für Musik von Irkutsk.

Mit dem Jahr 1921 setzte in Sibirien eine stürmische Entwicklung des kulturellen Aufbaus ein. In allen Städten des Landes vergrößerte sich die Zahl der Theater und Klubs auf das Zwei- bis Dreifache. Mitte 1921 jedoch verminderten sich die kulturellen Programme aufgrund der Sanierung der zerrütteten Finanzen durch den Staat. Daher haben Forscher dieser Periode wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Während dieser Zeit jedoch entstand in dem Städtchen Novonikolaevsk (dem heutigen Novosibirsk) unter großen Schwierigkeiten ein Operntheater. Wohl wird es schwer sein, eine andere Stadt ausfindig zu machen, die in unserem rational geprägten 20. Jahrhundert vor einem Berufsschauspielensemble ein erheblich teureres Musiktheater besaß. Im Jahre 1922 bestand Novonikolaevsk/Novosibirsk gerade 29 Jahre, und von einer Theatertradition konnte nicht die Rede sein.

Mit Hilfe der Einrichtung einer Volksbaustelle wurde die Renovierung des ehemaligen Handelsclubgebäudes vorgenommen. Am 15. November fand die Eröffnung der Staatlichen Sibirischen Oper mit Rusalka von A.S. Dapgomyzskij statt. Chefdirigent der ersten Spielzeit war Jurij Markovic Jurobeckij, Absolvent des Petrograder Konservatoriums. Später wurde das Theater von so berühmten sowjetischen Musikern geleitet wie A.V Pavlov-Arbenin, K.E. Brauér, Ja.A. Pozen und Boguslav Vrana.

Den Mitarbeitern des Novosibirsker Theatermuseums gelang es durch mutiges Handeln, auf Ungenauigkeiten in der sowjetischen Musik- und Theaterenzyklopädie hinzuweisen. Den Vorwurf der Ungenauigkeit kann man übrigens auch den Nachschlagewerken über Regisseure, Ballettmeister, Opernsänger, Ballettänzer, Schauspieler und andere Kunstschaffende machen, die in den 20er und 30er Jahren in Sibirien ihre Kunst ausübten.

Am sibirischen Operntheater arbeiteten stets erstklassige Sänger. Als eine für alle genügt zunächst die Erwähnung der ausgezeichneten Künstlerin Leonida Nikolaevna Balanovskaja, die in der Erstaufführung der Rusalka die Partie der Natascha sang. Die Sängerin war aufgrund ihrer Tätigkeit am Moskauer Bolschoitheater bekannt geworden, an dem sie 13 Jahre engagiert war.

An der Sibgosopera [= Sibirische Staatsoper] sangen solch bekannte Künstler wie Evlachov, Cholscevnikov, Andreeva-Delmas, Liseckaja, Karatov, Bonacic, Orzèlskij, Radomskaja, Mercalov-Suman, Bereznjakovskij und viele andere. Die Sibirische Staatsoper zeichnet sich durch die Verantwortung aus, mit der die Vorstellungen veranstaltet werden, und durch die hohe Qualität der Aufführungen. Beispielsweise stand in Sovetskaja Sibir' [= Sowjetisches Sibirien] vom 7. Januar 1924 zu lesen: "Man muß zugeben, daß es nirgendwo sonst in Sibirien als in Novonikolaevsk das Eckchen Erde gibt, in dem der Herd der Kunst glüht". Und im Leben der Kunst hieß es: "Von allen sowjetischen Theaterunternehmungen ist Sibgosopera die ernsthafteste, absolut frei von Stümperei".2

Auf der kleinen Bühne der Sibirischen Staatsoper liefen viele aufwendige Inszenierungen wie Fürst Igor (Borodin), Boris Godunov und Die Fürsten Chowansky (Mussorgsky), Ruslan und Ludmilla (Glinka), Der goldene Hahn (Rimsky-Korssakov), Der Dämon (A. Rubinstein), Pique Dame und Eugen Onegin (Tschaikovsky). Opern wie Aida, Der Troubadour, La Traviata und Rigoletto von Verdi, Madame Butterfly, Tosca und Turandot von Puccini wurden immer wieder aufgeführt. Sogar die Hugenotten von Meyerbeer wurden hier gespielt.

Man muß berücksichtigen, daß es bis 1945 noch kein professionelles Ballett in Sibirien gab. Aufgrund von Recherchen gelang uns die Enthüllung weiterer Fakten. Die Situation der professionellen Ballettkader im sowjetischen Rußland gestaltete sich sehr schwierig. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges überraschte einen Großteil der Künstler des kaiserlichen russischen Balletts im Ausland auf Tournee. Durch den Krieg wurde ihre Rückkehr nach Rußland verhindert. Danach waren es Revolution, die Blockade Sowjetrußlands durch die Länder der Entente, Intervention, Bürgerkrieg, Hunger und Zerstörung, die sich ungünstig auf eine Rückkehr auswirkten. Die Moskauer und Leningrader Ballettschulen konnten der Nachfrage der hauptstädtischen Theater nur mit Mühe nachkommen. Die Provinz aber versorgte sich in der Hauptsache auf eigene Verantwortung. Dennoch machte das sibirische Ballett in den 20er Jahren stark von sich reden. Es hatte Glück mit seinen Direktoren. 1922 etwa leitete Nikolaj Michailovic Sokolovskij das Ensemble, ein Schüler von S. Legat, der seinerseits ehemals Mitglied des Ensembles von S. Diaghilev war. 1927 stand der Balletttruppe der Sibirischen Staatsoper Ekaterina Antonovna Puskina vor. Ihr verdankt Novosibirsk Ballettaufführungen von Schwanensee (Tschaikovsky), Das Zauberpferdchen (C. Puna), Roter Mohn (R. Glier) und Der Korsar (A. Adam).

In den Novosibirsker Archiven fanden wir eine Äußerung des Volksbildungskommissars Anatolij Vasilevic Lunacarskij, die an dieser Stelle zitiert sei: "Ich hatte das Gefühl, nichts als ,roten Mohn' zu sehen - ein Stück, das seine Bedeutung nur bei der bekannten Pracht der Inszenierung entfaltet. Auf einer winzigen Bühne mit einer nicht eben großen Anzahl von Ballettänzern gelang es den Leitern des Novosibirsker Theaters, eine sehr liebe, erstaunlich frische und geistreiche Inszenierung auf die Bühne zu bringen".3

Die Sibirische Staatsoper arbeitete bis 1934. Mit ihr wurde das Fundament für den zukünftigen Aufschwung des Musiktheaters gelegt.

Unsere Forschungen heute haben einen direkten Bezug zur Praxis. In der Sowjetunion wuchs in ungewöhnlicher Weise das Interesse an der jüngsten Vergangenheit. "Wer nichts über die Geschichte weiß, kann auch nicht den Weg in die Zukunft finden" - solche Worte hört man immer häufiger. Die Geschichtswissenschaft entwickelte sich zum Gehilfen auf dem eingeschlagenen Weg zur revolutionären Perestroika. Wir erachten dies auch als interessant für unsere Forschung.

Im Land wurde eine Reform des Theaterwesens begonnen. Auffällig ist der Übergang einiger Theater zum Vertragssystem. In gewissem Umfang tragen unsere Forschungen zur Erkenntnis über Vor- oder Nachteile dieses Vorhabens für die Region Sibirien bei.

An vielen Theatergebäuden des Landes, u. a. auch am Bolschoitheater finden gegenwärtig Umgestaltungen statt. Auch die Modernisierung des Novosibirsker Opernhauses hat begonnen. In diesem Zusammenhang hat sich das Interesse an der ursprünglichen Projektierung des Novosibirsker Theaters bemerkenswert gesteigert. Das Haus wurde 1930 von dem Künstler M.I. Kurilko und dem Architekten T.Ja. Bardt entworfen. Mit dem System Teomass erfanden beide einen völlig neuen Typus des Theatergebäudes. Das Neue dieses vorgeschlagenen Systems ist durch das Erfinderzeugnis CBRIZA Nr.26426 innerhalb des Theatergebäudes dokumentiert. Auf Anforderung wurde es am 15. Mai 1930 von M.I. Kurilko veröffentlicht.

Die Vorstellung beider zielte auf einen amphitheatralischen Saal, in dem jeder Platz eine optimale Sicht auf die Bühne bietet. Um die Bühne herum führt ein ringförmiger Korridor, in dem auf beweglichen Vorrichtungen alle für die jeweilige Vorstellung benötigten Kulissen aufgebaut werden können. Das Auswechseln der einzelnen Bilder sollte durch die einfache Umstellung der Vorrichtungen durchgeführt werden. In den Zuschauerraum sollte ein anderer "großer Ring" hinausführen. Auf diesem bestünde die Möglichkeit, Schienen für das Auf- und Umstellen der Dekorationen anzubringen. Dies ermöglichte beispielsweise, sogar eine Dampflok und einen Panzerspähwagen an jeder beliebigen Stelle im Kreise des Zuschauerraumes auf- und umzustellen und dorthin die Handlung zu verlegen.

Eine riesige glatte Kuppel und die Mauern bildeten die Kinoleinwand; es war geplant, den seinerzeit von Minervin erfundenen Kinoprojektor im Zentrum aufzustellen, der Projektionen von 360 Grad ermöglichte. Die Parkettplätze waren auf ihrer Plattform zur Wand hin so angelegt, daß sich im Zentrum des Saales eine zirkusartige Arena öffnete. Bei Bedarf war der Boden der Arena absenkbar und durch ein Wasserbecken für Märchenszenen zu ersetzen. Man plante, ein solches Projekt in Sibirien durchzuführen. Im Mai 1931 wurde mit dem Bau dieses Theaters begonnen, zwei Jahre später krönte man das Gebäude mit einer riesigen freitragenden 60-Meter-Stahlbetonkuppel. In Europa waren damals ähnliche Gebäude unbekannt. Das Modell des Novosibirsker Theaters wurde 1933 in Prag und Berlin ausgestellt. Die Möglichkeit, ein derart kühnes Vorhaben durchzuführen, rief unter den westeuropäischen Ingenieuren Mißtrauen hervor. Die Meinung wurde laut, eine solche Kuppel könne nicht einmal ihr eigenes Gewicht tragen.

Das Theater in Sibirien wurde fast ohne Einsatz von Großtechnologien gebaut. Der höchste Punkt der Kuppel erreichte die 40-Meter-Marke. An den massivsten Stellen betrug die Dicke des Stahlbetons 12 cm, oben war die dünnste Stelle nur 8 Millimeter dick. 1935 entfernte man die Verschalung und die stützenden Träger. Die Kuppel wurde in Betrieb genommen. Sie trug nicht nur ihr Eigengewicht, sondern auch die beiden tonnenschweren Lüster und das Gewicht der schmiedeeisernen Außenverzierungen. Diese Kuppel ist jetzt schon mehr als 50 Jahre in Betrieb.

1937 wurde das Modell des Novosibirsker Theaters auf der Weltausstellung in Paris gezeigt, wo es gewaltiges Interesse auslöste und hohe Auszeichnungen erwarb.

Alle Hauptgebäude dieses neuartigen Theaters in Novosibirsk waren in die Realität umgesetzt worden, doch gelang es nicht, die technische Innenausstattung so durchzuführen, wie sie ursprünglich geplant war - der Krieg verhinderte dies. Noch während des Zweiten Weltkrieges wurde dieses imposanteste Theater des Kontinents zu Ende gebaut und eingerichtet. Bis zur Durchführung der revolutionären Ideen der Mechanisierung von Bühne und Saal war dies nicht mehr möglich gewesen. Das Theater wurde am 12. Mai 1945 eröffnet. Sein Volumen betrug 270,000 Kubikmeter, 70,000 Kubikmeter mehr als das des Bolschoitheaters der UdSSR.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem gigantischen Projekt ist eine der gegenwärtigen Arbeiten unseres Theatermuseums.


Anmerkungen

1Der Titel lautet im Original: "Zazvucala muzyka". (back)
2Leben der Kunst. Leningrad, 1926. Nr.7. Der Titel lautet im Original: "Zizn' Is Kusstva". (back)
3Lunacarskij, A.V.: Vier Städte, Das rote Feld, 1929. Nr.14. Der Titel lautet im Original: "Krasnaja Niva, Cetyre goroda". (back)

(Nach der Übersetzung von Ulrike Wild redaktionell bearbeitet und leicht gekürzt.)


17th Congress

SIBMAS Home


URL: http://www.theatrelibrary.org/sibmas/congresses/sibmas88/mannheim1988_30.html
Information about this site: Maria Teresa Iovinelli, Secretary General
Last updated: August 31, 2004

HOME-BIENVENUE

Rules
Statuts

Executive Committee
Comité exécutif

Institutional Members
Membres institutionnels

Joining SIBMAS
Adhérer à la SIBMAS

International Directory
Répertoire international

Congresses
Congrès

National Collections
Collections nationales

Research Sites
Sites de recherche

Partner Organisations
Organisations soeurs

WHAT'S NEW
NOUVEAUTÉS

FORUM